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1. März 2017

Sprachförderung: Wenn die linke Hand nicht weiß, was die rechte tut und Kinder dafür geprügelt werden

01.03.17, 11:24 |Categories: Bildung, Integration|Tags: , , |

SchulkindDer Kurier veröffentlichte gestern einen Artikel mit dem Titel „Wenn Deutsch zur Fremdsprache wird“. Die Einleitung: „‚Vierzehn plus drei’. Klassenlehrer Lukas Ankowitsch gibt den 25 Schülern der 1A-Klasse die nächste Rechenaufgabe. Ein Mädchen in der ersten Reihe zählt leise mit ihren Fingern: ‚bir, iki, üç’ flüstert sie konzentriert vor sich hin – eins, zwei, drei auf türkisch. Die Situation spricht Bände.

Einspruch, sagt der Lehrer in mir: Nicht die „Situation“ spricht Bände, sondern der Artikel selbst. Denn an ihm wird das ganze Elend der Bildungs- und Integrationspolitik und des laufenden Diskurses darüber sichtbar: Kinder werden hier pauschal als Problemfälle beschrieben. Wir wissen nichts über das zählende Mädchen, nichts über ihre Vorgeschichte, nichts über ihre Stärken oder Schwächen. Alleine die Tatsache, dass sie auf türkisch zählt, stigmatisiert sie zum defizitär behafteten Kind – völlig unabhängig davon, ob sie die ihr gestellte Aufgabe löst oder nicht. Denn das ist im Artikel schließlich nicht das Thema.

Schuld an dieser Misere hat laut Wiener Neustadts Bürgermeister Klaus Schneeberger (ÖVP) „die gescheiterte Wohnungs- und Integrationspolitik der vergangenen Jahrzehnte“. (Kurier)

Bürgermeister Schneeberger klagt also über die verfehlte Politik. Doch er gehört jener ÖVP-Landesgruppe an, die seit dem Jahr 2000 fast durchgehend das bis 2013 für Integrationsangelegenheiten verantwortliche Innenministerium besetzt hatte. Und auch jener ÖVP-Landesgruppe, die sich vehement hinter den Minister stellt, der die verfehlte Integrationspolitik der letzten sechs Jahre zu verantworten hat.

„Erstmals gibt es eine Klasse, in der kein einziges Kind mit deutscher Muttersprache sitzt. Insgesamt haben von den 177 Mädchen und Buben 152 (85,9 Prozent) ihre sprachlichen Wurzeln in der Türkei, Afghanistan, Syrien oder in anderen Staaten. 131 Sprösslinge davon sind islamischen Glaubens. ‚Das Problem wird immer größer, weil natürlich heimische Familien ihre Kinder aus Angst vor mangelnden Bildungschancen in andere Schulen stecken’, erklärt Direktorin Ariane Schwarz.“ (Kurier)

Worum geht es hier denn, wenn die immer weiter ins Rechtspopulistische abtriefende Politik separierte Klassen für Kinder mit nichtdeutscher Erstsprache fordert, um dann fast im selben Satz darüber zu jammern, die nicht deutschsprachige Umgebung führe dazu, dass die Kinder eben nicht Deutsch sprechen?

„Ohne zusätzliche Mittel für gezielte Sprachförderung wird das Problem aber niemals gelöst. (…) ‚Wir brauchen aber weitere Mittel des Bundes, um die Angebote zu verstärken’, lautet der dringende Appell von nö. Landesschulratspräsident Johann Heuras. Im Zuge des letzten Integrationspakets des Bundes habe Niederösterreich gerade einmal sechs Sozialarbeiter für den Bereich zugewiesen bekommen.“

Was bitte hat der Mangel an Lehrenden für Sprachförderung denn damit zu tun, dass Niederösterreich nur sechs SozialarbeiterInnen bekommen hat? Sind Kinder, die die deutsche Sprache ungenügend beherrschen, automatisch Sozialfälle? Wir wissen aus der Bildungsforschung seit langer Zeit, dass nicht der sprachliche Hintergrund über Erfolg und Misserfolg in der Bildungskarriere entscheidet, sondern vorrangig die soziale Herkunft. Darauf hat die Bildungspolitik seit Jahrzehnten kaum reagiert. Und auch jetzt finden wir in der Bildungsreform weder die generelle Einführung des Chancenindex noch eine Umstellung auf die Gemeinsame Schule – beides de facto unumstrittene Voraussetzungen für die Herstellung von mehr Bildungsgerechtigkeit.

Was ebenso fehlt, ist ein durchgehendes Sprach(en)förderkonzept, das mit dem Kindergarten beginnt und mit dem Abschluss der Schule endet. Derzeit herrschen Wildwuchs und Chaos in der Sprachförderung: In den Kindergärten wurden Sprachstandsdiagnosen eingeführt, aber der für eine Evaluierung zuständige Integrationsfonds hat bislang nichts vorgelegt. Daher wissen wir im Grunde kaum etwas darüber, wie sinnvoll oder sinnlos gefördert wird. Der zuständige Minister Kurz schweigt sich über dieses Versagen aus.

Aus dem Bildungsministerium wurde vor zwei Wochen verlautbart, ein „neuer Test solle Risikoschüler identifizieren (…) Bei dem Test sollen Erstklassler eine Bildergeschichte nacherzählen und eine mögliche Fortsetzung finden. Damit soll überprüft werden, ob Schüler Sätze in der Vergangenheit beziehungsweise der Zukunft bilden können, hieß es aus dem Bildungsministerium.“

Ja, um Himmels willen, das Ministerium gibt Aufträge und weiß offenbar selbst nicht, was es dafür bekommt: Es geht hier nicht um RisikoschülerInnen, es geht auch nicht um einen „Test“, sondern um eine Erhebung der mündlichen Sprachkompetenz, auf die gezielte Fördermaßnahmen folgen sollen. Und das geht weit darüber hinaus, wie Kinder die Zeiten sprachlich ausdrücken. Die gesamte Kommunikation aus dem Bildungsministerium über dieses Handwerkszeug strotzt vor Fehlern und lässt tief blicken: Die linke Hand weiß nicht, was die rechte tut.

Weitgehend ausgespart bleiben dabei jene ExpertInnen, die schon längst Vorschläge hätten, um Kinder zielgerecht zu fördern: in ihren Erstsprachen und auch in der Bildungssprache. Hamburg zeigt seit vielen Jahren vor, wie es funktionieren könnte – mit Einbindung der Eltern. Aber das hieße, sich jenseits von marktschreiendem Populismus und der Absicherung von parteipolitischen Einflusssphären den Kindern und ihren Bedürfnissen zuzuwenden. Weil das nicht passiert, werden die Kinder für diesen politischen Unwillen geprügelt.

27. Februar 2017

Inklusion ist keine Goodwill-Sache für Behinderte!

27.02.17, 10:41 |Categories: Bildung, Gesellschaft|Tags: |

Inklusion ist ein Menschenrecht. Jedes Kind hat in der Schule daher ein Anrecht darauf, gemeinsam mit anderen Kindern lernen zu können. Egal, ob es eine Behinderung hat oder nicht. So einfach ist das. Leider aber nicht bei uns, weshalb ich auf diesem Blog schon mehrfach dazu Stellung bezogen habe (Inklusion jetzt!).

Im „Standard“ gibt es heute dazu ein spannendes Interview von Lisa Nimmervoll mit Georg Feuser. Er war Lehrer an der ersten – wie es damals hieß – „Schule für geistig Behinderte“ in Deutschland in Frankfurt am Main und später auch Sonderschuldirektor („Erziehungswissenschafter: „Inklusion ist keine Goodwill-Sache für Behinderte““).

Seine Botschaft ist klar: Sonderschulen müssen abgeschaffte werden. Für schulische Inklusion behinderter Kinder gibt es keine Grenze. Grenzen setzen nicht die Möglichkeiten, Grenzen setzt bei uns das Schulsystem. Dabei profitieren vom gemeinsamen Lernen alle Kinder, auch Hochbegabte.

Georg Feuser verweist übrigens auch darauf, dass Berechnungen für das Inklusionsprojekt in Bremen gezeigt haben, dass die von den Gegnern der Inklusion immer wieder ins Spiel gebrachte Kostenexplosion nicht stimmt: „Wenn das System auf Inklusion umgestellt ist, wird es nicht teurer als das jetzt laufende.“

Und auch auf die Ängste von Eltern behinderter Kinder geht er ein und beruhigt: „Weltweit ist kein schulisches Reformvorhaben besser untersucht als die Frage der Inklusion. Man könnte sagen, wenn’s ganz schlecht ausgeht, weil etwa Ausbildungsvoraussetzungen fehlen, dann lernen die Kinder immer noch mehr durch die Sozialdynamik, die entsteht, wenn sie in solchen Räumen miteinander lernen oder wenn man sich endlich bemüht, jahrgangsübergreifend in Mehrstufenklassen zu unterrichten.“

Das zeigen übrigens auch meine Besuche und Erfahrungen in inklusiven Schulsystemen, die ich in Finnland, Schweden und Südtirol gemacht habe.

17. Februar 2017

Erfolgsgeschichte: als Alireza in Traiskirchen, als Julian im Gymnasium (Gastbeitrag)

17.02.17, 15:36 |Categories: Bildung, Integration|Tags: |

Alireza, ein unbegleiteter minderjähriger Flüchtling aus Afghanistan, ist seit 16 Monaten in Österreich. Seit zwölf Monaten lernt er Deutsch. In seinem allerersten österreichischen Schulzeugnis sind nur Einser, Zweier und Dreier.

 Es waren die unhaltbaren Zustände im Flüchtlingslager, die im vorletzten Sommer Freunde von mir dazu veranlassten, in Privatinitiative Medikamente, Kleidung, Nahrungs- und Hygienemittel nach Traiskirchen zu bringen. Dabei lernte Cathy Alireza kennen. Sie nahm ihn mit in ihre StudentInnenwohnung nach Wien und kümmerte sich nach einem Facebook-Aufruf mit Bekannten und FreundInnen um ihn.

Genauso schlecht wie sich die Bundesregierung um die Versorgung der Flüchtenden kümmerte, kümmerte sie sich um deren Beschulung. Alireza bekam vom Samariterbund einen Deutschkurs finanziert. Cathy ersuchte mich darum, sie auf der Suche nach einem geeigneten Platz für das jetzt laufende Schuljahr zu unterstützen. Ich bat meinen Direktor, Julian bei uns an der Anton-Krieger-Gasse aufzunehmen, und wenige Tage später saß er vor mir in einer Vorbereitungsklasse zur Oberstufe.

Aus Alireza wurde Julian

Alireza wollte dann nur noch Julian genannt werden. Er hatte gesehen, was die Ideologisierung des Islams anrichtet, und wollte mit seinem Namen nicht damit in Verbindung gebracht werden.

Es war für mich eine große Erleichterung, seine schulischen Erfolge mitverfolgen zu können. Julians technisches Talent ist bestechend und seine Fortschritte im Spracherwerb – eingebettet in einem wohlwollenden pädagogischen Umfeld – sind beispielhaft. Nicht nur, dass er in allen Fächern zu Semesterende beurteilt werden konnte, in seinem Zeugnis finden sich weder Vierer noch Fünfer.

Ich darf ihn noch ein Semester als Lehrer begleiten, denn sein nächstes Ziel ist der Besuch einer HTL. Julians schulische Erfolge erfüllen mich mit Freude und auch mit Stolz für ihn, den ich so in meiner bisherigen professionellen Laufbahn noch nie kennenlernt hatte.

Ja, und ich bin mir sicher, dass es sehr viele Alirezas/Julians gibt. Ihre Geschichten sind noch zu erzählen.

Johannes Stöckler

Johannes Stöckler unterrichtet an einer Wiener AHS, ist Klubobmann der Grünen Hietzing und Fraktionsführer der Grünen im Wiener Stadtschulrat.