Ich habe es zuerst übersehen: Die „Presse“ hat am Samstag die letzten beiden Absätze meines Gastkommentars irrtümlich nicht abgedruckt. Hier der ganze Text:

Religionsunterricht in Bedrängnis

Die Krisenzeichen sind überdeutlich: Immer mehr SchülerInnen melden sich vom konfessionellen Religionsunterricht ab, und sogar tiefschwarze PolitikerInnen verteidigen ihn nur noch halbherzig. Das ist das Thema von Marian Heitger in seinem Presse-Kommentar „Eine Frage der Haltung“: Ethik- oder doch lieber Religionsunterricht? Unsere Kinder, so Heitger, müssen wissen, „woher wir kommen“, sie sollen also vertraut werden mit den Wertetraditionen unserer Gesellschaft.

Die Frage ist nur, wie. Können wir es uns leisten, an einem Religionsunterricht festzuhalten, der von vielen Kindern nicht besucht wird? Viele SchülerInnenen melden sich ab, und häufig sind in den Klassen Kinder mit so unterschiedlichen Bekenntnissen (oder keinem), dass an einen gemeinsamen Religionsunterricht gar nicht zu denken ist. Insbesondere in der katholischen Kirche steigt die Zahl der Austritte: Der religiöse Fels in der säkularen Brandung wankt. In Wien leben heute rund 760.000 KatholikInnen, rund 400.000 Menschen ohne Bekenntnis und etwa 390.000 Angehörige anderer Konfessionen (65.000 davon ohne genaue Angabe). Dieser – wachsenden – Vielfalt müssen wir in den Schulen Rechnung tragen.

Ein verbindlicher nichtkonfessioneller Ethik- und Religionen-Unterricht könnte auch eine Antwort auf fundamentalistische und demokratieverachtende Tendenzen in etlichen Religionsgemeinschaften sein – indem fundamentalistische Tendenzen islamischen, christlichen oder anderen Zuschnitts im Unterricht kritisch thematisiert werden. Oder ist das derzeit im jeweiligen konfessionellen Unterricht garantiert?

In unserer multireligiösen beziehungsweise nichtreligiösen Welt sollen Jugendliche mit oft unterschiedlichen Wertvorstellungen konfrontiert werden, mit den Menschenrechten, mit Religionen und ihren Grundsätzen. Das schließt den interkonfessionellen Dialog im Schulunterricht ein, einen Dialog, der Verschiedenheiten nicht aus dem Weg geht und gerade deswegen ein respektvolles Zusammenleben in einer heterogenen Gesellschaft zum Ziel hat.

Niemand soll indoktriniert werden, sondern alle sollen und müssen in der Schule zu einem Gedankenaustausch über unterschiedliche, miteinander oft unvereinbare Werthaltungen animiert werden. In einer Gesellschaft mit wirklicher Gedanken-, Gewissens- und Religionsfreiheit ist es die Aufgabe des Staates, diese Auseinandersetzung zu fördern. Die Alternative sind weltanschauliche Lager- und Ghettobildungen. Und wer will, soll den gegenwärtigen konfessionell gebundenen Religionsunterricht weiterhin als Freifach wählen können.

Doch woher nehmen wir so schnell die benötigten Ethik- und ReligionenlehrerInnen? Da bieten sich natürlich jene ReligionslehrerInnen an, die jetzt schon in beträchtlicher Zahl ihren Unterricht im Sinne der geschilderten Ziele gestalten.

Sie haben großteils einen wesentlich weniger missionarischen Zugang zu ihrem Beruf, als ihn Marian Heitger einfordert. Er will im Religionsunterricht jenes „Offenbarungsfundament“ vermitteln, „das den Irrtum ausschließt“. Das ist das gute Recht jeder Religionsgemeinschaft und kann in einem freiwilligen Unterricht auch stattfinden. Der in religiöser Hinsicht neutrale Staat hat andere Aufgaben.