Werden alle zarten Reformpflänzchen unseres Schulsystems zertreten? Die Gefahr besteht, wenn sich das bewahrheiten sollte, was die Medien aus den Regierungsverhandlungen berichten: „Koalitionspläne: Schulnoten wieder Pflicht, Ausbau der Ganztagsschule

Während das Stichwort „Ausbau der Ganztagsschule“ zumindest gut klingt – wäre da nicht das Festhalten am Modell der Nachmittagsbetreuung statt einer modernen Schule mit verschränktem Unterricht –, schaut es im Bereich der Notengebung aus pädagogischer Sicht zappenduster aus.

In den letzten Jahren gab es zwei Trends. Einerseits wurde der Unterricht in den Schulen immer stärker „individualisiert“ beziehungsweise „personalisiert“. Das entspricht den Erkenntnissen der Hirnforschung, dass Lernen ein sehr persönlicher Vorgang ist, bei dem individuelle Vorkenntnisse und Interessen ebenso eine große Rolle spielen wie Talente. Kinder lernen, ihr eigenes „Lern-Tempo“ zu bestimmen und mit ihren Lernschwierigkeiten genauso fertig zu werden wie mit der Entwicklung ihrer besonderen Fähigkeiten. Ziffernnoten sind da nicht hilfreich und schon gar nicht aussagekräftig.

Andereseits braucht es – und da sind wir beim zweiten Trend – verbindliche Ziele: Im Verlauf der Schulkarriere muss gewährleistet sein, dass alle die (Aus-)Bildungs-Ziele erreichen. Dabei sollen die Bildungsstandards helfen. Unserer Schule muss dieser Spagat gelingen: einerseits personalisiertes Lernen und die Entfaltung der individuellen Potenziale, andereseits die verbindliche Erfüllung der Bildungsstandards.

Wir haben im Juli zum Abschluss der Verhandlungen um das Bildungsreformpaket erreicht, dass die bislang rund 2.000 Schulversuche zu einer alternativen Leistungsbeurteilung (bei etwa 3.000 Volksschulen insgesamt) künftig ohne das bisherige bürokratische Prozedere auskommen und Lehrkräfte gemeinsam mit den Eltern mit einem einfachen Beschluss das Aus für die Ziffernnote von der ersten bis zur dritten Klasse Volksschule beschließen können. Die angeblichen Vertreter der „direkten Demokratie“ möchten dieses Element demokratischer Selbstbestimmung jetzt wieder rückgängig machen.

Resümee: Die künftige schwarz-blaue Regierung steuert mit Vollgas in die Vergangenheit. Ich fürchte, das gilt nicht nur für die Bildungspolitik.

Für die „Grüne Schule“ gilt: „Kein Kind zurücklassen!“