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16. September 2017

Grünes Wahlprogramm 2017: Bildungssystem modernisieren – Österreich gerechter machen

16.09.17, 7:22 |Categories: Bildung, Wahlkampf|Tags: , , , |

Herausforderung

Österreich ist ein wohlhabendes Land, das über beste Voraussetzungen verfügt, die großen Herausforderungen unserer Zeit erfolgreich zu meistern. Aber die wachsende Kluft zwischen Privilegierten und Benachteiligten wird zunehmend zur Barriere.

Chancen auf erfolgreiche Bildung sind in Österreich nicht gleich verteilt. Die Menschen haben unterschiedlichste Ausgangsbedingungen, abhängig unter anderem von der Region, in der sie leben, dem familiären Umfeld, in dem sie aufwachsen, und auch abhängig von individuellen Faktoren, wie zum Beispiel einer Behinderung.

Bildung und Forschung haben höchsten Stellenwert in unserer Gesellschaft – nicht nur als Wirtschaftsfaktor, sondern als gesellschaftlicher Wert. Bildung eröffnet jedem Menschen Zukunftschancen, schafft Perspektiven, stärkt durch soziale Kompetenzen den Zusammenhalt in der Gesellschaft und die Inklusion. Kinder und Jugendliche sind dabei von Anfang an individuell zu fördern und zu stärken, um den Herausforderungen des Lebens gewachsen zu sein. Die Freude am Lernen und die Neugier stehen dabei immer im Vordergrund. aber auch Erwachsene brauchen Bildungsangebote, die im Sinne des lebensbegleitenden Lernens ständige Weiterentwicklung ermöglichen.

Ohne Zweifel hat sich im elementaren Bildungsbereich in den letzten zehn Jahren einiges zum Positiven verändert. Der Ausbau schreitet voran und immerhin 25,5% der Kinder unter 3 Jahren sowie 93% der Drei- bis Fünfjährigen haben einen Krippen- oder Kindergartenplatz. Gemessen am gegebenen Bedarf gibt es aber nach wie vor viel zu wenige Krippen- und Kindergartenplätze. Die Verantwortung für das Angebot sowie die konkrete Ausgestaltung an elementaren Bildungseinrichtungen liegt bei Ländern und Gemeinden. Die Folge der föderalen Struktur sind neun unterschiedliche gesetzliche Lagen.

In den ersten Lebensjahren sind Kinder besonders neugierig, aufnahmefähig und wissbegierig. Spielend eignen sie sich all jene Kompetenzen an, die sie benötigen: soziale, sprachliche, motorische, kreative und kognitive. Um Kinder in ihren ersten Lebensjahren bestmöglich zu begleiten, braucht es gut ausgebildete ElementarpädagogInnen – und für diese wiederum motivierende Rahmenbedingungen, die durch einen kleineren Betreuungsschlüssel und durch eine adäquate Bezahlung deutlich zu verbessern sind.

Gute Kenntnisse der Unterrichtssprache Deutsch sind eine wesentliche Voraussetzung für schulischen Erfolg. Zehntausende Kinder und Jugendliche haben allerdings Defizite und damit Nachteile im Bildungssystem. Die angebotenen Fördermaßnahmen in den Kindergärten und Schulen erfolgen oft konzeptlos und durch nicht genügend ausgebildetes Personal. Zudem können SchülerInnen maximal zwei Jahre Deutschförderunterricht erhalten, was zu wenig ist. Sprachförderung muss während der gesamten Schulzeit angeboten werden.

Rund 40% der Jugendlichen eines Altersjahrgangs entscheiden sich für eine Lehre im Rahmen der dualen Ausbildung. Das heißt, die Lehrausbildung findet sowohl im Ausbildungsbetrieb als auch in der Berufsschule statt. Höchste Qualitätsstandards, moderne Lehrpläne und Offenheit für neue Berufsbilder sind wesentlich für eine zukunftsfähige Lehrausbildung. Lehrlinge und Betriebe sind oft auf sich allein gestellt. Kompetenzen wie Persönlichkeitsbildung und Entwicklungspotenziale bleiben auf der Strecke.

In der von Österreich ratifizierten UN-Behindertenrechtskonvention ist das Recht auf inklusive Bildung festgeschrieben. Dennoch haben Menschen mit Behinderungen nicht die gleichen Chancen auf Zugang zu Bildung, da ihre volle Bildungsteilhabe vom Kindergarten bis zu den Universitäten durch Barrieren, Ausnahmeregelungen und gesondert geführte Einrichtungen verhindert wird.

Ein Drittel der Unter-35-Jährigen kann bei einer Umfrage nicht sagen, ob der Nationalsozialismus Gutes oder Schlechtes gebracht hat. Der Wert steigt, je jünger die Bevölkerungsgruppe ist. Besonders kritisch ist die Situation bei Lehrlingen bzw. Personen mit Lehrabschluss. Eine Ursache dafür ist, dass Politische Bildung in den Berufsschulen kaum als demokratiefördernder Unterricht betrieben wird, sondern vielmehr Institutionenkunde im Sinne der alten Staatsbürgerkunde darstellt.

Was haben wir bereits erreicht?

Die von den Grünen verhandelte Bildungsreform gibt den Schulen neue Freiheiten und ermöglicht den Einstieg in die Gemeinsame Schule. In Zukunft können Schulen autonom über den Unterrichtsbeginn, den Tagesablauf und die Dauer von Unterrichtseinheiten entscheiden. Damit kann der Schulalltag den Bedürfnissen der Schülerinnen besser angepasst werden. Erste Ansätze eines Chancenindex wurden erreicht, der Schulen in besonders herausfordernden Umfeldern hilft, benachteiligte SchülerInnen zu unterstützen.

Zukunftsprojekte

Unser Ziel ist ein Bildungssystem, das unterschiedliche Ausgangsbedingungen der Kinder und Jugendlichen auf Grund der regionalen Herkunft, des familiären Hintergrundes, einer Behinderung oder von Defiziten in der Unterrichtssprache möglichst ausgleicht.

  • Alle Kinder sollen österreichweit hervorragende Bedingungen im Kindergarten vorfinden, ob in Vorarlberg, Kärnten oder in Wien. Bundesweit sollen dafür einheitliche Mindeststandards festgelegt werden. Öffnungszeiten, Kosten, Raumgröße, Gruppengröße und Anzahl der PädagogInnen dürfen nicht länger von der Postleitzahl abhängen.
  • Rechtsanspruch auf einen kostenlosen Kindergartenplatz ab dem 1. Geburtstag und zweites kostenloses verpflichtendes Kindergartenjahr: Alle Kinder sollen nicht nur ein, sondern mindestens zwei Jahre Zeit haben, um für den weiteren Bildungsweg optimal vorbereitet zu sein.
  • Recht für alle Kinder auf einen ganztägigen Schulplatz und Ausbau der verschränkten Ganztagsschulen: Das Angebot soll für die Eltern in einer Kernzeit von 9 bis 15 Uhr kostenlos sein. PflichtschülerInnen sollen einen Rechtsanspruch auf ganztägige Betreuung haben.
  • Flexible Schuleingangsphase: Ein fließender Übergang vom Kindergarten in die Volksschule kann den unterschiedlichen Voraussetzungen und Lerngeschwindigkeiten von Kindern Rechnung tragen.
  • Der Ausbau ganztägiger Schulformen führt dazu, dass der Tagesablauf schülerInnengerechter gestaltet werden kann und die Hausübungen in der Schule erledigt werden können.
  • Neue Ferienregelungen helfen auch Eltern, die Betreuung schulpflichtiger Kinder leichter zu organisieren.
  • Einführung der Gemeinsamen Schule der 10- bis 14-Jährigen, um die frühkindliche soziale Selektion zu beenden.
  • Sprachförderung findet inklusiv, also innerhalb des Klassenverbandes statt. Separate Sprachstartklassen sind ausschließlich für schulische Quereinsteigerinnen sinnvoll.
  • Sprachenvielfalt als Chance: Mehrsprachigkeit als gelebte Normalität von zehntausenden SchülerInnen in Österreich nutzen und als Chance fördern.
  • Ein inklusives Bildungssystem ermöglicht, damit Kinder und Jugendliche mit Behinderungen an der Bildungsinstitution und dem Sozialraum „Schule“ teilhaben können. Dazu gehört die barrierefreie Ausstattung der Schulgebäude, die Bereitstellung nötiger Infrastruktur, gut ausgebildete SonderpädagogInnen und persönliche Assistenz im Schulalltag.
  • Gezielt investieren: Ausgewiesene zusätzliche Mittel statt Sondertöpfe, um einen echten Chancenindex zu finanzieren. Daraus sollen je nach Bedarf der einzelnen Schule zum Beispiel Sprachfördermaßnahmen, Mediation, kleine Klassen, Teamteaching und vieles anderes mehr bereitgestellt werden.
  • Bildungspflicht ausweiten und die Zukunft der dualen Ausbildung: Ausdehnung der Schulpflicht; Aufwertung der Lehrberufe und faire Bezahlung. Junge Menschen haben ein Recht auf gute Ausbildungs- und qualitätsvolle Arbeitsbedingungen.
  • Lehrlings-Coachings und modernisierte Berufsschule: Um Lehrlinge optimal auf die heutigen Herausforderungen vorzubereiten, ergänzen Lehrlings-Coachings in einer modernisierten Berufsschule die duale Ausbildung. Berufsschulen sollen für alle Lehrlinge in Österreich eine vergleichbare Qualität und vergleichbare Standards bieten. Lehrbücher gehören auch in der Berufsschule auf den neuesten Stand gebracht. Digitalisierung auf allen Ebenen ist heute noch kein fixer Bestandteil – das gehört geändert.
  • Reform der Mindestlehrlingsentschädigung: Entsprechend der Anhebung der Mindestlöhne ist auch die Mindestlehrlingsentschädigung anzupassen. Ziel ist es, branchenunabhängig einen Mindestbetrag von 700 Euro im 1. Lehrjahr zu gewährleisten. Dies würde einige jener Berufsbereiche aufwerten, in denen Frauen überproportional stark vertreten sind.
  • Ausweitung von Erasmus+: Um neue Erfahrungen, Selbstständigkeit und eine Verankerung der Europäischen Idee zu ermöglichen, soll eine Ausweitung von Erasmus+ mit besonderer Berücksichtigung von Lehrlingen erfolgen.
  • Verbindlicher gemeinsamer Ethik- und Religionen-Unterricht für alle Schülerinnen und Schüler.
  • Lebensbegleitendes Lernen erhält einen neuen Stellenwert: Lernprozesse enden nicht mit Abschluss einer Ausbildung in den Jugendjahren, sondern begleiten Menschen ihr ganzes Leben. Neben der Beschäftigungsperspektive, etwa im Zuge beruflicher Neuorientierung, geht es dabei auch um persönliche Weiterentwicklung.
  • Aufwertung und gesetzliche Verankerung von Schülerinnenparlamenten: Die Anliegen von Jugendlichen sind stärker zu berücksichtigen, und die Entwicklung partizipativer Instrumente ist auszubauen.
  • Einführung eines Pflichtfaches „Politische Bildung“, das von kompetenten Lehrenden mit einem eigenen Lehramtsstudium unterrichtet wird. Erfahrungsorientiertes zeitgeschichtliches Wissen anhand der aktuellen Lebensrealität unserer Jugendlichen vermitteln.
  • Einführung von fächerübergreifender Medienbildung in der Schule, in der ein kompetenter und verantwortungsvoller Umgang mit digitalen Medien vermittelt wird. Stärkere Berücksichtigung der fächerübergreifenden Vermittlung digitaler Kompetenzen in der PädagogInnenausbildung.
  • Open Source: Die öffentliche Verwaltung soll schrittweise auf die Nutzung von Open 
Source-Software und offene Dateiformate umgestellt werden. 
Das gilt auch für den Gebrauch von Software in den Bildungseinrichtungen.

Das gesamte Wahlprogramm – auch in barrierefreier Version – finden Sie hier: https://www.gruene.at/2017-nrw/wahlprogramm-2017

12. Januar 2017

Der „Plan A“ von Christian Kern: Fehlt da nicht etwas?

12.01.17, 15:32 |Categories: Bildung|Tags: , , , , |

plana_kernViele Superlative finden sich im Bildungskapitel in dem von Bundeskanzler Christian Kern gestern vorgestellten „Plan A“ der SPÖ: Da ist von der besten Ausbildung die Rede, die Kinder erhalten sollen, die besten LehrerInnen sollen unterrichten, die besten Köpfe sollen in die Schulen geholt werden, und es soll überhaupt die besten Bedingungen geben. Wir könnten jedoch in einem ersten und zweiten Schritt schon einmal damit zufrieden sein, wenn es in der österreichischen Bildung nur einmal besser würde. Das mag zwar nicht so populär klingen, ist aber unter realistischer Betrachtung der derzeitigen Situation nicht anders möglich.

Eines vorweg: Dass Bundeskanzler Kern das Ziel der Gemeinsamen Schule weder in seiner Rede noch im Papier zum „Plan A“ erwähnt hat, zeigt, wie mutlos die SPÖ inzwischen gerade in bildungspolitischen Fragen geworden ist. Die Gemeinsame Schule ist wohl die entscheidende Voraussetzung für mehr Bildungsgerechtigkeit. Es ist mir daher rätselhaft, warum die SPÖ nun auf ihre einstige Kernforderung, die 2008 vor den Wahlen sogar noch als Koalitionsbedingung formuliert wurde, verzichtet und ohne diese zentrale Maßnahme in die weiteren Verhandlungen über die Schulreform geht, aber zugleich volle Chancengerechtigkeit herstellen will.

In seinem „Plan A“ spricht Bundeskanzler Kern zudem von einem „modernen Märchen“ in der Bildung, das in der nahem Zukunft zu einer Tatsachenbeschreibung werden solle. Ein Märchen könnte es aber wirklich bleiben. Kern sichert kostenlose Kindergartenplätze, beste Lehrkräfte, Chancengleichheit, Digitalisierung samt Tablets und Laptops, ja sogar den kostenlosen Führerschein für Lehrlinge zu, ohne aber zu erwähnen, wie denn das schöne Bildungsmärchen finanziert werden soll. Erst vor wenigen Wochen hat die SPÖ im Parlament einem Budget zugestimmt, bei dem im Bildungsressort schon jetzt eine Lücke in Höhe von 191 Millionen Euro klafft.

Im „Plan A“ finden SchülerInnen mit Behinderungen samt Realisierung von Inklusion nicht einmal Erwähnung, auch die Suche nach der von Bildungsministerin Hammerschmid angekündigten Abschaffung der Sonderschulen verläuft ergebnislos. Wer aber von Chancengerechtigkeit redet, sollte auch daran denken, dass es Kinder mit körperlichen oder psychischen Beeinträchtigungen gibt, die schon an den Grundvorausssetzungen in unserem Bildungswesen scheitern oder es zumindest sehr schwer haben mit einer annähernd vollen Teilhabe in unserer Gesellschaft.

Wo Kern mit uns als Bündnispartner jedoch sicher rechnen kann, ist die möglichst schnelle Einführung des „Chancenindex“ in der Schulfinanzierung, die Garantie, auf einen einen Rechtsanspruch auf einen kostenlosen Kindergartenplatz für Kinder ab dem ersten Geburtstag und die schon längst überfällige Schaffung eines bundeseinheitlichen Qualitätsrahmens in den Kindergärten.

Worauf wir nun sehr gespannt sind: auf konkrete Vorschläge, wie sich die einzelnen Ziele umsetzen lassen und wie die avisierten Förderungen und Mehrausgaben angesichts der permanenten Unterfinanzierung des Bildungsressorts bezahlt werden können. Floskeln wie jene der „besten Bildung“ in Österreich hören wir nun nämlich schon seit Elisabeth Gehrer. Aber wer Superlative verspricht, jedoch nicht einmal die Zwischenschritte dazu einhalten kann oder will, macht sich unglaubwürdig. Dann kann sich die SPÖ schon jetzt an die Formulierung eines Planes B, C und D machen.

Für die „Grüne Schule“ gilt: „Kein Kind zurücklassen!“