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16. Februar 2016

Flüchtlingskinder: Wie ein Problem groß geredet wird.

16.02.16, 10:44 |Categories: Bildung, Integration|Tags: , , |

neumann1

In Wien sind es laut Berichten 2.000 Flüchtlingskinder, die die Verantwortlichen zum Stöhnen bringen. Wien hat laut Schulstatistik Wien eine GesamtschülerInnenzahl von 220.000, davon mehr als 100.000 Pflicht-schülerInnen. Das heißt: Auf 50 PflichtschülerInnen kommt derzeit maximal ein Flüchtlingskind (wenn es denn im Pflichtschulalter ist). Unlösbar?
In Österreich haben wir insgesamt mehr als 1,1 Millionen SchülerInnen, davon sind fast 700.000 in Pflichtschulen. Derzeit wird von etwa 10.000 Flüchtlingskindern gesprochen, die in Schulen zu integrieren seien. Ich denke, es werden etwas mehr sein, aber egal, die Relation zwischen „regulären“ SchülerInnen und Flüchtlingskindern ist deutlich „günstiger“ als in Wien. Ein unlösbares Problem?
Gleichzeitig spricht die Statistik Austria von einem Rückgang von Volksschulkindern in den letzten Jahren: seit 2004/5 seien es 10% weniger. Der Rückgang setzt sich auch in der Sekundarstufe I fort.

In Wien wurden nun zehn Klassen mit Flüchtlingskindern eingerichtet. Das Argument: Die Kinder während des Schuljahrs in Regelklassen zu integrieren, mache eine Teilung von bestehenden Klassen notwendig.

hamburg_foermigAm 28. Jänner fand an der Uni Wien eine sehr gut besuchte Veranstaltung unter dem Titel „Isoliert. Integriert. Inkludiert. Oder: Wie gelingt der Quereinstieg ins Schulsystem?“ statt. Die Hamburger Erziehungswissenschaftlerin Ursula Neumann präsentierte ein wissenschaftlich entwickeltes und begleitetes Konzept (FörMig), nach dem in Hamburg Kinder, die ohne Deutschkenntnisse ins Schulsystem einsteigen, seit Jahren erfolgreich gefördert und integriert werden. Neumann zeigte einmal mehr, dass keine Pauschallösungen möglich sind, sondern dass es differenzierte Wege braucht. Basis des Hamburger Konzepts ist übrigens eine sozialindexbasierte Mittelzuteilung an Schulen – eine Forderung, die ich schon seit Jahren stelle und die nun im Bildungsreformpapier der Regierung wieder nicht auftaucht.

In der anschließenden Diskussion ging es dann hoch her: Es wurde stark kritisiert, dass die Schulen mit ihren Integrationsaufgaben fast völlig allein gelassen werden und die Herausforderungen nur durch Privatengagement zu bewältigen seien. Und: Es weiß die linke Hand nicht, was die rechte tut. Management by Chaos also.

Ich habe zum Thema „Sprachförderung für Flüchtlingskinder“ bereits Anfang September letzten Jahres, als absehbar war, dass wir handeln müssen, mit der Wiener DaZ-Professorin İnci Dirim eine Pressekonferenz gegeben. İnci Dirim hat dafür zwei Modelle vorgeschlagen, eines davon ist das Hamburger Modell für Sprachförderung, das auf Wien umlegbar wäre. Ursula Neumann hat dies in ihrem Vortrag präzisiert.

Was wir nämlich nicht haben – weder in Wien noch in den anderen Bundesländern –, ist ein Konzept dafür, wie Kinder (vom Kindergarten an) eine durchgängige Sprachbildung erhalten und wie Sprachförderung zu planen und zu gestalten ist. Die ÖVP will die Kinder verräumen, aber was dann konkret in den von ihr propagierten separierten Klassen passieren kann und soll, das scheint ihr egal zu sein. Die SPÖ wüsste theoretisch, wie es ginge, ihr fehlen jedoch Entschlossenheit, Umsetzungswille und die Finanzen, die von Schelling (und dem Rest der ÖVP) blockiert werden.

Integration kostet Geld. Das ist aber sehr gut investiert, wenn wir nicht hinterher teuer reparieren wollen, was vorher verpfuscht wurde. Wenn wir imstande sind, Milliarden ins Hypo-Grab zu schaufeln, um gleichzeitig nicht einmal einen Bruchteil dieses Geldes für kluge bildungspolitische Maßnahmen aufzutreiben, so ist das nicht nur lächerlich, sondern auch zynisch. Hier wird ein Problem großgeredet, das in seinen Dimensionen mit gutem Willen leicht zu bewältigen sein müsste. Aber mit markigen populistischen Ansagen lässt sich halt leichter Politik machen als mit konstruktiven ruhigen Maßnahmen. Es ist zum Verzweifeln!

16. August 2015

Sprachförderung: „Integration statt Ausgrenzung!“

16.08.15, 10:21 |Categories: Bildung, Gesellschaft, Integration|Tags: , , , , |

Bildung_Kind_ChancengerechtigkeitWir wollen Integration statt Ausgrenzung, wir wollen Kinder zusammenführen statt sie zu trennen, und wir wollen ihnen die bestmögliche Sprachförderung ermöglichen – so würde ich meine heute im Ö1-Morgenjournal präsentierten Grünen Vorschläge für eine umfassende Sprachförderung zusammenfassen.

Sebastian Kurz betreibt mit seiner undifferenziert vorgebrachten Forderung nach separierten Sprachklassen ein populistisches Spiel (Debatte über Deutschklassen: Ministerium zurückhaltend). Dabei müsste er wissen, dass eine solche Maßnahme ausschließlich für schulische QuereinsteigerInnen und dies auch nur für einen möglichst kurz gehaltenen Zeitraum empfohlen wird. Damit biedert sich Kurz auf unverantwortliche Weise an eine auf Ausgrenzung bedachte FPÖ-Klientel an und schafft so jene Parallelgesellschaften, vor denen er immer warnt. Die ÖVP will mit der frühen Trennung die soziale und auch eine ethnische Selektion bereits im Vorschulbereich festschreiben.

Meine Vorschläge basieren auf einem in Hamburg entwickelten und mittlerweile auf breiter Ebene praktizierten erfolgreichen Modell (Förmig), das eine durchgängige, additive Sprachförderung von der Vorschule bis zum Ende der Pflichtschulzeit vorsieht, auf Einbindung der Eltern und auf regelmäßige Sprachstandserhebungen setzt. Eine gezielte, individualisierte Förderung der Bildungssprache setzt allerdings angemessene Arbeitsbedingungen in den Kinderbetreuungseinrichtungen und Schulen sowie beginnend mit dem Kindergarten eine deutlich bessere Ausbildung der Pädagoginnen und Pädagogen voraus. Im Moment wird ins Blaue hineininvestiert, weil die Fördermaßnahmen oft konzeptlos erfolgen und nicht genügend Fachpersonal in den Kindergärten und Schulen zur Verfügung steht. Es ist allerhöchste Zeit, hier anzusetzen. Gefordert sind Maßnahmen, die eine gute Ausbildung der Lehrenden garantieren und die Implementierung von bundeseinheitlichen Qualitätsstandards, um eine kompetente Förderung der Kinder sicherzustellen.

19. Juli 2015

Österreich, eine Nation von BildungsexpertInnen?

19.07.15, 17:28 |Categories: Bildung, Integration, Parteien|Tags: , , |

kindergruppeIntegrationsminister Sebastian Kurz hat sich wieder zu Wort gemeldet. Anlässlich der Präsentation des „Integrationsberichtes 2015“ formulierte er nicht zum ersten Mal die Forderung nach Vorbereitungsklassen für – ja für wen denn eigentlich? Einmal heißt es für schulische QuereinsteigerInnen (also Kinder, die nicht die traditionelle Schullaufbahn ab der ersten Klasse Volksschule bei uns durchlaufen, sondern eben später einsteigen) – und damit entspräche diese Ansicht jener des von Kurz selbst eingesetzten Integrationsbeirats –, andere Male (besonders in Vorwahlzeiten, wenn der Diskurs in Richtung Populismus gehen soll) meint er, „es brauche eine Änderung des Pflichtschulgesetzes, in der ‚klar hervorgeht’, dass jedes Kind in Deutsch fit sein müsse, bevor es in das Regelschulsystem wechselt.“ (http://derstandard.at/2000019324545)

In der wissenschaftlichen Community werden getrennte Klassen de facto einhellig abgelehnt, weil sich aus diversen Studien ablesen lässt, dass Kinder in einem gemischten Klassenverband die Unterrichtssprache viel schneller lernen als in einer Gruppe, in der sich keine „MuttersprachlerInnen“ befinden. Zudem sind Kinder in separierten Gruppen schon vor Schuleintritt mit dem Stigma behaftet, ein Defizit mitzubringen. Sie beginnen ihre Schullaufbahn also bereits mit dem Rucksack eines symbolischen „Nicht genügend“.

Die Wiener Boulevardzeitung „Heute“ fasste nun die Statements der verschiedenen Parteien (in Wien) zusammen, und daraus lassen sich auch grob die bildungspolitischen Zielsetzungen der Parteien im Allgemeinen ablesen: Die SPÖ spricht sich gegen separierte Vorbereitungsklassen aus – gut so! In der Theorie weiß sie ja, wohin das österreichische Schulsystem gehen müsste. Die ÖVP stellt sich dagegen und unterstützt Sebastian Kurz, der schon im Hintergrund zündelt, indem er bedeutungsschwanger droht, er wolle „in dieser Sache ‚weiterbohren, weil es notwendig ist’.“ Wir kennen das schon aus anderen Diskussionen: Die ÖVP setzt Bildungsministerin Heinisch-Hosek unter Druck, die sich aufgrund des Budgetlochs, das sich in ihrem Ressort zunehmend auftut, und der mangelnden Unterstützung aus ihrer eigenen Partei in der Defensive befindet.

Die FPÖ sieht in diversen Statements ihre langjährige Forderung nach Ghettoklassen bestätigt, legt aber noch ein Schäuferl drauf, um die fremdenfeindliche Spirale nach oben zu drehen und erregt sich über Prüfungen abnehmende Sprachkursanbieter, „die wahlweise der SPÖ oder den Grünen nahe stehen“. Ganz abgesehen davon, dass die angesprochenen Sprachkurse nichts mit der schulischen Situation zu tun haben, unterschlägt die FPÖ, dass der Österreichische Integrationsfonds (ÖIF), der die Zertifizierungsvorgaben für die Anerkennung von Deutschprüfungen macht, ÖVP-Minister Kurz unterstellt ist und auch als verlängerter Arm seiner Politik agiert. Das FPÖ-Motto lautet: Null Kompetenz in Bildungsfragen, dafür maximale Xenophobie.

Neos agiert nach dem Prinzip: Jede/r entscheidet, was er/sie will, was unter dem Label der „Schulautonomie“ verkauft wird. Neos übersieht dabei, dass Bildungspolitik die Aufgabe hat, nicht nur für die finanziellen Mittel zu sorgen, die an den Schulen verteilt werden, sondern in wesentlichen Eckpunkten auch zu steuern. Es geht hier nicht um die Frage, ob der Turnsaal renoviert oder die Schul-EDV aufgerüstet wird, was freilich von den Schulen autonom entschieden werden kann, sondern um pädagogische Weichenstellungen, die inzwischen 25% aller österreichischen SchülerInnen betreffen.

Und weil wir nicht nur eine Nation mit Millionen von FußballtrainerInnen sind, sondern auch mit etwa gleich vielen BildungsexpertInnen, lässt „Heute“ darüber abstimmen, ob „Zuwandererkinder“ zuerst Deutsch lernen sollen, „bevor sie mit österreichischen Kindern zusammengelegt werden“ oder ob „die Integration (…) am besten in der Kombination mit österreichischen Kindern von Anfang an“ funktioniert. Nur, wie es am besten „funktioniert“, ist halt kein Abstimmungsgegenstand, sondern ein belegbares Resultat, das sich aus der realen Lernsituation ergibt.

(Foto: woodleywonderworks, http://piqs.de/fotos/163131.html)