Sektenspektakel mit Kurz

18.06.19, 9:32 |Categories: Gesellschaft|Tags: , |

Man darf annehmen, dass sich ein österreichischer Bundeskanzler informiert, wenn er eingeladen wird. Wer lädt ein? Welche Organisation ist das?

Vor einem halben Jahr wurde der damaligen Bundeskanzler Sebastian Kurz eingeladen. Und es war klar, wer der Einladende ist. Es handelt sich um einen einstigen Drogendealer, der in einem Nachtklub Jesus begegnet sein will und später auf dem ehemaligen NS-Reichsparteitagsgelände Visionen „europäischer Gesichter“ hatte: „Norweger mit blonden Haaren und blauen Augen – Spanier, Deutsche. Ich sah all diese Europäer in diesem Feld stehen.“ „Gott“, so meint er, wollte, dass er „Europa zurückhole“.

Also lud er Sebastian Kurz zu seinem Spektakel in die Wiener Stadthalle. Und siehe: Sebastian kam. Besonders verstörend: Auch Kardinal Christoph Schönborn scheint kein Problem damit zu haben, sich mit diesem Herrn auf der Bühne vor 10.000 Menschen als Teil einer sektengleichen Show zu inszenieren.

Während Kurz auch im Nachhinein kein kritisches Wort fand, scheint man in der Diözese Wien doch Zweifel an der Sinnhaftigkeit des Kardinal-Besuchs bekommen zu haben: Die Sicht der Veranstalter, man müsse Europa vom Islam zurückholen, teile man nicht.

Dass es zu einem Sektenspektakel mit zehntausend „Erweckten“ kam, die beide Hände in die Höhe halten und für Sebastian Kurz beteten: „Vater, wir danken dir für diesen Mann.“ Angesichts des verstörten Gelächters über den Messias Kurz im Internet, will der Altkanzler vom Prozedere auf dieser Veranstaltung nichts gewusst haben. Ein damals amtierender Kanzler informiert sich nicht über eine Veranstaltung, auf die er eingeladen ist? Niemand aus seinem Stab fragt nach, was da geplant ist? Welche Rolle er spielt?

Caritas-Direktor Michael Landau wenigstens sprach deutliche Worte an den jungen Altkanzler und seinen Kardinal: „Du aber, wenn du betest, geh in deine Kammer, schließ die Tür zu; dann bete zu deinem Vater, der im Verborgenen ist! … Von Stadthalle steht da nichts.“

Schon länger versuchen extrem rechte Fundamentalisten, in der ÖVP Fuß zu fassen. Ich habe schon vor einiger Zeit auf diese Entwicklung hingewiesen. Die ÖVP-Nationalratsabgeordnete Gudrun Kugler spielt dabei eine zentrale Rolle. Sie war mit Kurz auf diesem Event.

Das Netz macht sich lustig über Sebastian Kurz. Verständlich. Aber eigentlich ist das gar nicht lustig. Hoffentlich ein kurzes Sektenspektakel!

Meinen herzlichen Dank für die sehr gelungene Fotocollage an Jörg Vogeltanz.