19. Mai 2010

Um welche Werte geht es in der Schule?

2010-05-19T14:51:00+02:0019.05.10, 14:51 |Kategorien: Bildung|

Eine richtige Antwort blieben wir gestern schuldig. Mit Abt Anselm van der Linde von der Zisterzienserabtei Mehrerau hatte ich gestern das Vergnügen, genau 60 Minuten in einer öffentlichen Diskussion auf dem WIFI-Campus in Dornbirn über folgende Themen zu diskutieren: Sind katholische Schulen wirklich in der Lage, junge Menschen angemessen beim Erwachsenwerden zu begleiten? Muss die katholische Kirche ihren Erziehungsstil überdenken? Oder sind katholische Privatschulen ohnehin ein Relikt vergangener Jahrhunderte?

In ihrer derzeitigen Verfassung vieler konfessioneller Schulen neige ich zu letzterer Einschätzung. Wo werden denn ethische Prinzipien deutlich? Welche Werte werden da vermittelt? Verschrobene Ideen über „Elitenbildung“ – Abt Anselm nehme ich da ausdrücklich aus – führen zu genau jenem großteils nach „unten“ abgeschotteten Schulwesen, unter dem unsere Kinder derzeit leiden. Den Reichen wird gegeben, den Armen wird genommen – nämlich Bildungschancen.

Derzeit zementiert das konfessionelle Schulwesen die verkrusteten Strukturen des österreichischen Schulwesens statt Impulse zu setzen. „Geschlossene Systeme“ wie Internate neigen zudem dazu, dass es in ihnen zu Gewalt und Übergriffen kommt. Und das ist ein Problem der Vergangenheit und der Gegenwart. Literarische Warnzeichen gab und gibt es genug – unabhängig vom Träger der Internate. Ich erinnere an Hermann Hesses „Unterm Rad“, Robert Musils „Verwirrungen des Zöglings Törleß“ oder jüngst Michael Köhlmeiers „Musterschüler“.

Und noch ein Thema wurde kontroversiell gesehen: Auseinandersetzungen um allgemein verbindliche Grundwerte werden immer wichtiger. Der jetzige Religionsunterricht schafft das aus meiner Sicht nicht (mehr): Zuviele Kinder melden sich davon ab, es gibt sehr viele unterschiedliche Religionsbekenntnisse und zunehmend Kinder ohne Bekenntnis – eine gemeinsame Auseinandersetzung über Werte kann daher im Rahmen des konfessionellen Religionsunterrichts nicht (mehr) stattfinden. Ein vom Staat durchgeführter Religionen-Unterricht ist zusammen mit einem Unterricht in ziviler Ethik daher die sinnvolle Alternative zum jetzigen konfessionell gebundenen Unterricht. Das entspricht unserer multikulturell, multireligiös und multiideologisch gewordenen Lebenswirklichkeit.

Es ist aber wie beim Zölibat: Bewegung und unaufgeregte Diskussion sind nicht in Sicht!

18. Mai 2010

Schwarzer Bildungstango: „Vorwärts in alte Zeiten“

2010-05-18T13:02:00+02:0018.05.10, 13:02 |Kategorien: Bildung|

Nun haben wir also ein angeblich neues ÖVP-Bildungskonzept. Noch vor wenigen Wochen hat ÖAAB-Chef Spindelegger begeistert von seinen Eindrücken aus dem finnischen und schwedischen Schulsystem berichtet. Nun präsentiert er ein Papier des ÖAAB, das am differenzierten Schulsystem festhält und die Hauptschule zum „Gymnasium-light““ machen soll. Die ÖVP schlingert im Bildungstango itgendwie führungslos über das politische Parkett, ihr fehlen ganz offenkundig die Konzepte aus der Bildungssackgasse. Stattdessen werden immer neue Hürden für sozial schwache Familien errichtet. Fachleute schütteln den Kopf. Um eine unverdächtige Quelle zu nennen: „Schlafmützig“ nennt beispielsweise die Lebenshilfe Österreich das Konzept und bemängelt, dass die von Österreich im Oktober 2008 ratifizierte UNO-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderungen schlichtweg ignoriert wird.

Dafür soll es – no na – „Elitenförderung“ geben: Die ÖVP will in jedem Bundesland „Begabtenschulen“ oder zumindest „Begabtenklassen“ einrichten.

So soll es in die Zukunft gehen? So sollen die Probleme des bestehenden Systems gelöst und unsere Kinder fit für das 21. Jahrhundert werden? Das ÖAAB-Konzept fördert wieder nur die Kinder aus besser verdienenden Kreisen, der Rest wird „bestraft“: Kindergarten am Nachmittag kostenpflichtig, Streichung von Sozialleistungen, wenn kein Deutschkurs besucht werden kann, Rückstellung statt Förderung von Kindern mit Sprachdefiziten, Beibehaltung des differenziertes Schulsystems, Nachmittagsbetreuung und Hausaufgabenbegleitung nur gegen Gebühr, Begabungsförderung für jene, die es sich leisten können, ihr Kind in die Begabtenklassen und in die Sommerschule zu bringen. Letzteres wird vom ÖAAB ganz unverhohlen auch noch Elitenförderung genannt. Nicht die Eliten brauchen Förderung, sondern alle Kinder haben ein Recht darauf, die beste Ausbildung zu erhalten. Chancengleichheit scheint für Spindelegger aber ein Fremdwort zu sein. Wir brauchen die gemeinsame Schule, die den ganzen Tag über für die SchülerInnen offen steht.

Unter diesen Umständen ist Unterrichtsministerin Schmied gezwungen, andere Partner für die Umsetzung der Schulreform zu suchen. Andernfalls droht die Verbesserung des österreichischen Schulsystems wieder einmal auszufallen.

8. Mai 2010

UN-Kritik an Sonderschulen ist richtig

2010-05-08T08:10:00+02:0008.05.10, 8:10 |Kategorien: Bildung|

In Vorarlberg ist eine heftige Diskussion darüber entstanden, ob die Äußerungen des „Monitoring-Ausschusses“, der über die Einhaltung der UNO-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderung wacht, richtig sei: „Aussonderung ist menschenrechtswidrig“, das ist die Kritik der UNO am österreichischen Schulsystem. Mit dieser Aussage müssen wir uns ernsthaft auseinandersetzen. Es ist polemisch zu behaupten, die Kritik richte sich gegen die Lehrkräfte, sie damit einfach vom Tisch zu wischen und so zu tun, als ob alles bestens wäre. Das ist kurzsichtig und wird den Kindern und ihren Bedürfnissen nicht gerecht. Die Kritik der UNO bezieht sich ausschließlich auf das Schulsystem und in keiner Weise – wie die KritikerInnen unterstellen – auf die Arbeit der LehrerInnen. Die Kernfrage lautet: Wo sollen die PädagogInnen und Therapeutinnen mit Kindern mit Behinderung arbeiten? Dort, wo die anderen Kinder sind, oder an Sonderanstalten? Für mich ist klar: Wir wollen eine gemeinsame Schule, in der jedes Kind das erhält, was es braucht.

Wir brauchen einen geordneten Übergang vom jetzigen System der Aussonderung in eine gemeinsame Schule, in der alle Kinder, auch wenn sie besondere Förderung brauchen, Platz haben.

Speziell in Vorarlberg wird die Integration von Kindern mit Behinderung im Regelschulwesen stiefmütterlich behandelt. Unter der Verantwortung der nachmaligen Bundesministerin Gehrer wurde das Schulorganisationsgesetz in Sachen Integration schlicht und einfach nicht vollzogen. Sonderschulen wurden einfach in Sonderpädagogische Zentren umbenannt, nahmen aber ihre Aufgabe als Begleiter und Förderer der Integration nicht wahr.

In der Steiermark werden acht von zehn Kindern mit Förderbedarf in der Regelschule unterrichtet. In vorarlberg gerade einmal die Hälfte davon. Sind Vorarlberger SchülerInnen doppelt so schlecht geeignet sind für integrative Lösungen wie steirische?

Die Situation ist problematisch, weil Lehrkräfte vielfach überfordert sind: Derzeit geht das Unterrichtsressort davon aus, dass nur 2,7 der SchülerInnen einen sonderpädagogischen Förderbedarf haben. Tatsächlich sind es aber weit mehr. Deshalb habe ich im Parlament schon vor eineinhalb Jahren (25.11.2008) einen Antrag eingebracht, die Förderquote auf 4,5 der Schülerpopulation anzuheben. Der Mangel an ausgebildeten SonderpädagogInnen ist speziell in Vorarlberg schon seit längerem ein strukturelles Problem. Seit über 10 Jahren gibt es im westlichsten Bundesland keine Vollausbildung, keine Erstausbildung zum/zur SonderpädagogIn.

Die Anhänger der Aussonderung tun ja gerade so, als wäre therapeutische Betreuung nur in Sonderschulen möglich. Selbstverständlich muss es das in der gemeinsamen Schule geben. Ich bin aber gegen Schnellschüsse. Wir brauchen einen Masterplan, der das Prinzip der Integration mittelfristig umsetzt.

Wofür ich stehe?

Ich stehe für soziale Gerechtigkeit, bessere Schulen, Klimaschutz, Antirassismus, Integration, Grundrechte und Tierschutz.

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Meine Arbeit

Hier veröffentliche politische Kommentare. Sie erfahren auch alles über meine Arbeit aus meiner Zeit im Nationalrat (2008-2017): Reden, Anträge und Ausschussarbeit.


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