27. Februar 2026

Es braucht die Gemeinsame Schule!

2026-02-27T11:36:09+01:0027.02.26, 11:33 |Kategorien: Bildung|Tags: , , |

Die Chance auf eine grundlegende Bildungsreform auf Basis einer breiten und wissenschaftlich fundierten Analyse und einer entsprechenden Empfehlung bestand vor zehn Jahren. Warum die Chance damals nicht genutzt wurde und der jetzige Vorschlag einer sechsjährigen Volksschule problematisch ist, habe ich in einem Kommentar unter dem Titel „Bildungspolitische Bombe?“ in den Vorarlberger Nachrichten erläutert:

Stress für die Neun- bis Zehnjährigen, ihre Eltern und die Schulen: Das Aufnahmeverfahren für weiterführende Schulen läuft gerade. Dieser Stress ist unnötig und kontraproduktiv. Österreich hat eines der teuersten Schulsysteme Europas – mit leider sehr dürftigen Ergebnisse. Ursachen dafür gibt es viele. Es braucht daher eine grundlegende Reform.

Wie man dabei vorgehen soll, hat Vorarlberg beispielhaft vorgemacht. Fachleute analysierten den Ist-Zustand, befragten Lehrkräfte, Eltern, Schülerinnen und Schüler. Das Ergebnis war eindeutig: Die nur noch in Österreich und Deutschland praktizierte viel zu frühe Trennung der Kinder nach der Volksschule ist das Hauptproblem. Es braucht eine Gemeinsamen Schule bis zum 14. Lebensjahr.

Der Vorarlberger Landtag beschloss daraufhin fast einstimmig – nur eine Neos-Abgeordnete war dagegen – die landesweite Umsetzung auf Basis von Individualisierung und innerer Differenzierung. Das war ein Auftrag an die Landesregierung und zugleich eine bildungspolitische Bombe. In ganz Österreich keimte die Hoffnung, dies könnte der Anfang einer österreichweiten Reform sein. Das ist über zehn Jahre her. Die „Bombe“ wurde leider zum Rohrkrepierer.

Der Beschluss ist zwar noch aufrecht, die zuständige Landesrätin scheint aber desinteressiert zu sein und der Landeshauptmann bremste den Landtagsbeschluss auf Bundesebene sogar aus. Dabei gab es in seiner Partei mit Reinhold Mitterlehner einen Obmann, der sich in Richtung Gemeinsame Schule bewegt hatte.

Ob die sechsjährige Volksschule von Bildungsminister Christoph Wiederkehr das Problem lösen würde? In Wien hat er als Bildungsstadtrat größere Probleme hinterlassen als bei Amtsantritt vorgefunden. Seither diskutiert er als Minister über ein Kopftuchverbot, die leichtere Suspendierung von Problem-Kindern aus dem Unterricht und zuletzt über Handyverbot oder Ausmaß von Latein-Stunden. Mit einer grundlegenden Reform hat das wenig zu tun. Weiß er es nicht besser oder kann er sich gegen die ÖVP nicht durchsetzen?

Das Vorarlberger Modell beruhte auf wissenschaftlicher Evidenz. Für eine sechsjährige Volksschule hingegen gibt es keine Lehrpläne oder Vorarbeiten, nicht genug ausgebildete Lehrkräfte, Schulraum etc. Was wird aus den von vier auf zwei Jahre „halbierten“ Mittelschulen?

Warum orientieren wir uns nicht am Südtirol Modell? Das ist eine vergleichbare Region mit einer Gemeinsamen Schule und hervorragenden Ergebnissen: halb so viele Kinder mit Leseschwächen und – trotz fehlender gymnasialer Langform – deutlich mehr Spitzenleistungen.

„Lehrlingspapst“ Egon Blum bemängelte schon vor Jahren die fehlenden Basics bei vielen Lehrlingen: Lesen, Schreiben und Rechnen. Wie heftig müssen die Probleme noch werden, bis Wirtschaftskammer und Industriellenvereinigung in Sachen Schulreform „ihre“ ÖVP zur Räson bringen? Eventuell nach dem Motto: „Geht´s der Schule gut, geht’s der Wirtschaft gut!“ Sowie Kindern und Eltern – sei hinzugefügt.

5. Januar 2025

Bertolt Brecht: Der Kälbermarsch (1933)

2025-01-05T18:20:30+01:0005.01.25, 18:20 |Kategorien: Bildung|Tags: |

Hinter der Trommel her
Trotten die Kälber
Das Fell für die Trommel
Liefern sie selber.
Der Schlächter ruft: Die Augen fest geschlossen
Das Kalb marschiert. In ruhig festem Tritt.
Die Kälber, deren Blut im Schlachthaus schon geflossen
Marschiern im Geist in seinen Reihen mit.

Sie heben die Hände hoch
Sie zeigen sie her.
Die Hände sind blutbefleckt
Doch immer noch leer.
Der Schlächter ruft: Die Augen fest geschlossen
Das Kalb marschiert. In ruhig festem Tritt.
Die Kälber, deren Blut im Schlachthaus schon geflossen.
Marschiern im Geist in seinen Reihen mit.

Sie tragen ein Kreuz voran
Auf blutroten Flaggen
Das hat für den armen Mann
Einen großen Haken.
Der Schlächter ruft: Die Augen fest geschlossen
Das Kalb marschiert. In ruhig festem Tritt.
Die Kälber, deren Blut im Schlachthaus schon geflossen
Marschiern im Geist in seinen Reihen mit.

2. September 2024

Bildung als Wahlkampfthema?

2024-09-02T12:17:39+02:0002.09.24, 12:16 |Kategorien: Bildung, Wahlkampf|Tags: , |

Es ist zu befürchten, dass die überfällige Bildungsreform auch in diesem Wahlkampf nur ein Randthema sein wird. Es gibt aber ganz kleine Hoffnungsschimmer. Unter dem Titel „Schule und Ideologie“ habe ich dazu in den Vorarlberger Nachrichten einen Kommentar verfasst. Hier zum Nachlesen:

Der Reformbedarf des österreichischen Schulsystems ist unter Fachleuten unbestritten. In Vorarlberg hat Schul-Landesrätin Barbara Schöbi-Fink in den VN von einem „neuen Anlauf für die gemeinsame Schule“ gesprochen. NEOS und Grüne pochen ebenfalls darauf. Auch die SPÖ ist prinzipiell dafür. Es wäre erfreulich, wenn Bildung im Landtagswahlkampf ein – seiner Bedeutung entsprechendes – zentrales Thema würde.

„Vorarlberger FPÖ für gemeinsame Schule und Ganztagsschule“. Dieses Zitat überrascht, denn Bitschi & Co sind derzeit als einzige gegen eine Reform. Das Zitat ist dennoch richtig, aber 15 Jahre alt. Damals hatte die FPÖ im Landtag mit der Volksschuldirektorin Silvia Benzer als Bildungssprecherin noch eine ausgesprochene Fachfrau, die Schulsysteme analysieren konnte.

Und es gibt viele Vorbilder. Finnland, Estland oder Südtirol sind weitgehend bekannt. Weniger bekannt ist diesbezüglich Polen, das Ländern wie Österreich bei internationalen Überprüfungen wie dem Pisa-Test weit überlegen ist. In Polen existiert eine ganztägig geführte gemeinsame Schule für die ersten acht Jahre, Bildungsexperten wie Maciej Jakubowski, Direktor des Instituts für Bildungsforschung in Warschau, fordern sogar ein weiteres Jahr.

Ideologie ablegen

Auffallend: Über alle Parteigrenzen und ideologischen Positionen hinweg ist die gemeinsame Schule in kaum einem Land infrage gestellt. Bei uns hingegen dominiert auf Bundesebene in bildungspolitischen Debatten leider immer noch die Ideologie und nicht der Sachverstand. Dabei ist seit Jahrzehnten offenkundig, dass Österreich trotz der gymnasialen Unterstufe weder im Spitzenbereich noch im untersten Leistungsbereich mit den führenden Ländern – etwa mit Südtirol – mithalten kann.

In keinem (!) anderen Land – außer teilweise in Deutschland – werden Kinder so früh getrennt wie bei uns. Das ist mit ein Grund dafür, warum unser Schulsystem weltweit eines der teuersten ist. Dennoch ist es wenig leistungsfähig und benachteiligt zudem sozial an sich schon benachteiligte Kinder massiv. Das bestätigt eine im Auftrag des Bildungsministeriums erstellte Studie: „Das österreichische Schulsystem ist durch ein hohes Ausmaß an Chancenungleichheit gekennzeichnet, und der sozialen Herkunft kommt bei der Entstehung dieser Ungleichheiten eine zentrale Rolle zu.“

Wollen wir uns weiterhin eines der teuersten Schulsysteme leisten mit unterdurchschnittlich vielen Spitzenleistungen und überdurchschnittlich vielen Problemkindern? Oder sollen alle Kinder in unseren Schulen eine faire Chance erhalten? Gelingt es den Verantwortlichen, ideologische Scheuklappen abzulegen und eine grundlegende Schulreform anzupacken? Der von Schöbi-Fink angekündigte Schulversuch einer gemeinsamen Schule ist zu begrüßen, aber noch reichlich unkonkret. Dennoch: Die Hoffnung auf eine sinnvolle Reformvariante lebt, die Skepsis aus leidvoller Erfahrung aber leider auch.

Wofür ich stehe?

Ich stehe für soziale Gerechtigkeit, bessere Schulen, Klimaschutz, Antirassismus, Integration, Grundrechte und Tierschutz.

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Meine Arbeit

Hier veröffentliche politische Kommentare. Sie erfahren auch alles über meine Arbeit aus meiner Zeit im Nationalrat (2008-2017): Reden, Anträge und Ausschussarbeit.


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