19. Juni 2026

Bildung: ÖVP in Beton gegossene Reformverweigerung

2026-06-18T16:00:18+02:0019.06.26, 8:43 |Kategorien: Bildung|Tags: |

Mit meiner Kollegin im Nationalrat Daniela Musiol beim Zertrümmern von Beton vor der ÖVP-Zentrale in Wien. Genützt hat es nichts.

Im Bildungsbereich ist die ÖVP so etwas wie in Beton gegossene Reformverweigerung. Dennoch jammern ausgerechnet die Unternehmerverbände – zuletzt am Montag in Vorarlberg – über die Lehrlingssituation – und vergessen dabei, welche Partei für den Stillstand verantwortlich ist.

Die Ursachen der Probleme liegen tiefer und sind mit jammern sicher nicht zu lösen. Dazu mein Kommentar in den Vorarlberger Nachrichten unter dem Titel „Lehre in der Krise!“:

Gewerkschaften und Unternehmerorganisationen sind sich selten einig. In einer Thematik allerdings verweisen sie seit Jahrzehnten gemeinsam auf ein Problem: die Lehrlingsausbildung. Genauso lange änderte sich allerdings nichts oder nur wenig. Diese Woche hat die Wirtschaftskammer das Problem zwar angesprochen, aber wieder ohne überzeugenden Lösungsvorschlag.

Wenn man die Statistiken bemüht, wird die Krise deutlich: Die Zahl der Lehrlinge lag in Österreich – lang, lang ist’s her – schon einmal bei knapp 200.000. Seither sank sie deutlich. 2010 absolvierten noch rund 130.000 Jugendliche eine Lehre, zum Jahresende 2025 waren es gerade noch 102.878.

Die Gründe dafür sind vielschichtig. Natürlich spielt in der langfristigen Entwicklung auch der Übergang von der Industrie- zu einer Dienstleistungsgesellschaft eine wichtige Rolle. Industriebetriebe haben im Durchschnitt mehr Ressourcen und bieten neben einer qualitativ hochwertigen Ausbildung in den meisten Fällen auch besser bezahlte Berufe an. Ein weiteres Problem ist die sinkende Zahl der Betriebe, die bereit sind, Lehrlinge aufzunehmen. Auch dazu war seitens der Wirtschaftskammer nichts zu vernehmen.

Beklagt wird von den Unternehmen zu Recht, dass es immer weniger Schulabsolventen gibt, die überhaupt ausbildungsfähig sind. Internationale Studien geben ihnen recht: In Österreich sinkt beispielsweise die Lesekompetenz der 14-Jährigen seit Jahrzehnten kontinuierlich. 24 Prozent erreichen nicht einmal das grundlegende Kompetenzniveau – so die letzte Pisa-Studie. Wie soll da eine weiterführende Ausbildung bewältigt werden? In Vorarlberg sind einige Betriebe daher dazu übergegangen, Lehrlinge zuerst in den Grundkompetenzen Lesen, Schreiben und Rechnen fit zu machen.

Sind an dieser Situation die Schulen oder die Lehrerinnen und Lehrer schuld? Mitnichten, es liegt an einem Schulsystem, das aus der Monarchie stammt. Nur noch in Österreich und Deutschland werden die Kinder nach vier Jahren Volksschule getrennt – und somit viel zu früh. Das produziert schon bei den Unter-Zehnjährigen jenen leistungshemmenden Stress, den auch die engagiertesten Lehrkräfte nur schwer kompensieren können.

Ausbildungsbetriebe, Lehrkräfte und Eltern sind daher unzufrieden. Die Jugendlichen allerdings sind die Hauptleidtragenden des Reformstaus im Bildungsbereich.

Die duale Ausbildung – also die Verbindung von theoretischer und praktischer Ausbildung unserer Lehrlinge – ist international anerkannt und eines der wenigen bildungspolitischen Erfolgsmodelle Österreichs. Angesichts der Krisensymptome in diesem Bereich wäre es an der Zeit, dass die Vertretungen der Wirtschaft nicht nur jammern, sondern „ihrer“ ÖVP klarmachen, dass ihre jahrzehntelange Reform-Blockade im Bildungsbereich auch diesem Ausbildungsmodell schweren Schaden zufügt.

8. Mai 2026

Wiederkehr(end) keine Bildungsreform

2026-05-07T15:26:29+02:0008.05.26, 8:06 |Kategorien: Bildung|Tags: , , |

Bildungsreform in Österreich? Kaum vorstellbar! Der jetzige Bildungsminister aber tut seit Monaten so, als ob er mitten drin sei im Reformprozess. Doch das täuscht! Dazu mein Kommentar in den Vorarlberger Nachrichten unter dem Titel „Wiederkehr(end)!“:

Sollte uns Bildungsminister Christoph Wiederkehr angesichts der unverschuldeten Chancenlosigkeit für echte Reformen leidtun? Immerhin blockiert die ÖVP ja seit Jahrzehnten alle Anstrengungen in Richtung eines modernen, zukunftstauglichen und effizienten Bildungssystems. Dagegen ist bislang noch kein (Reform)Kraut gewachsen.

Andererseits hat er das Ressort freiwillig, in Kenntnis seiner Koalitionspartner und des äußerst dürftigen Regierungsprogramms übernommen. Dennoch verspricht er Woche für Woche grundlegende Veränderungen des Schulsystems, von denen nicht nur Insider wissen, dass sie nicht umgesetzt werden. Wiederkehr(ende) Ankündigungen sind zu wenig.

Heute findet im Parlament eine Enquete der NEOS zur inklusiven Bildung statt. Zurecht, denn in Sachen schulischer Inklusion gibt es seit Jahren nur Rückschritte. Dabei hat sich Österreich im Jahr 2008 dazu verpflichtet, die UN-Behindertenrechtskonvention umzusetzen. Das bedeutet de facto den gemeinsamen Unterricht aller Kinder und das Aus für Sonderschulen.

Ein Blick in funktionierende inklusive Schulmodelle in den skandinavischen Ländern oder Südtirol zeigt: von einem solchen Unterricht profitieren alle. Die Ergebnisse sind um ein Vielfaches besser als bei uns, obwohl wir eines der teuersten Schulsysteme haben. Letzteres liegt nicht zuletzt daran, dass es Parallelstrukturen gibt – bei den Zehn- bis 14-Jährigen beispielsweise gleich drei Schultypen.

Ein anderes Beispiel: Am Sonntag hat Wiederkehr im ORF die Verlängerung der Volksschule auf sechs Jahre in einem Modellprojekt angekündigt. Die ÖVP ist – natürlich – dagegen. Ausgerechnet ihr ideologiegetriebener Generalsekretär Nico Marchetti sieht darin „ein ideologisches Gesamtschulexperiment mit ungewissem Ausgang“. Allerdings ist bei Wiederkehrs Ankündigung wirklich zu bemängeln, dass es weder ein pädagogisches noch ein organisatorisches Konzept gibt. Die drei Schultypen bei den Zehn- bis 14-Jährigen werden ja nicht aufgelöst. Die gymnasiale Unterstufe ist überfüllt, können die Kinder nach sechs Jahren Volksschule also nur in die Mittelschule?

Dass unabhängige Expertinnen und Experten – auch in Vorarlberg – seit langem auf eine Gemeinsame Schule bis zum 14. Lebensjahr drängen, sei hier nur noch am Rande erwähnt. Zu ärgerlich ist, dass trotz der Zustimmung aller ÖVP- und FPÖ-Abgeordneten im Landtag vor über zehn Jahren für ein vorarlbergweites Projekt die Umsetzung durch die destruktive Haltung von Landeshauptmann Markus Wallner nicht gelungen ist.

Leider sind in der ÖVP die Zeiten vorbei, als der damalige Obmann Reinhold Mitterlehner sich wörtlich „sehr offen für neue Entwicklungen“ in Richtung einer Gemeinsamen Schule gezeigt hatte. Wiederkehr hat es mit konservativen Ideologen zu tun und ist daher nicht zu beneiden. Mehr als nur unerfüllbare Ankündigungen darf man von ihm aber schon erwarten!

27. Februar 2026

Es braucht die Gemeinsame Schule!

2026-02-27T11:36:09+01:0027.02.26, 11:33 |Kategorien: Bildung|Tags: , , |

Die Chance auf eine grundlegende Bildungsreform auf Basis einer breiten und wissenschaftlich fundierten Analyse und einer entsprechenden Empfehlung bestand vor zehn Jahren. Warum die Chance damals nicht genutzt wurde und der jetzige Vorschlag einer sechsjährigen Volksschule problematisch ist, habe ich in einem Kommentar unter dem Titel „Bildungspolitische Bombe?“ in den Vorarlberger Nachrichten erläutert:

Stress für die Neun- bis Zehnjährigen, ihre Eltern und die Schulen: Das Aufnahmeverfahren für weiterführende Schulen läuft gerade. Dieser Stress ist unnötig und kontraproduktiv. Österreich hat eines der teuersten Schulsysteme Europas – mit leider sehr dürftigen Ergebnisse. Ursachen dafür gibt es viele. Es braucht daher eine grundlegende Reform.

Wie man dabei vorgehen soll, hat Vorarlberg beispielhaft vorgemacht. Fachleute analysierten den Ist-Zustand, befragten Lehrkräfte, Eltern, Schülerinnen und Schüler. Das Ergebnis war eindeutig: Die nur noch in Österreich und Deutschland praktizierte viel zu frühe Trennung der Kinder nach der Volksschule ist das Hauptproblem. Es braucht eine Gemeinsamen Schule bis zum 14. Lebensjahr.

Der Vorarlberger Landtag beschloss daraufhin fast einstimmig – nur eine Neos-Abgeordnete war dagegen – die landesweite Umsetzung auf Basis von Individualisierung und innerer Differenzierung. Das war ein Auftrag an die Landesregierung und zugleich eine bildungspolitische Bombe. In ganz Österreich keimte die Hoffnung, dies könnte der Anfang einer österreichweiten Reform sein. Das ist über zehn Jahre her. Die „Bombe“ wurde leider zum Rohrkrepierer.

Der Beschluss ist zwar noch aufrecht, die zuständige Landesrätin scheint aber desinteressiert zu sein und der Landeshauptmann bremste den Landtagsbeschluss auf Bundesebene sogar aus. Dabei gab es in seiner Partei mit Reinhold Mitterlehner einen Obmann, der sich in Richtung Gemeinsame Schule bewegt hatte.

Ob die sechsjährige Volksschule von Bildungsminister Christoph Wiederkehr das Problem lösen würde? In Wien hat er als Bildungsstadtrat größere Probleme hinterlassen als bei Amtsantritt vorgefunden. Seither diskutiert er als Minister über ein Kopftuchverbot, die leichtere Suspendierung von Problem-Kindern aus dem Unterricht und zuletzt über Handyverbot oder Ausmaß von Latein-Stunden. Mit einer grundlegenden Reform hat das wenig zu tun. Weiß er es nicht besser oder kann er sich gegen die ÖVP nicht durchsetzen?

Das Vorarlberger Modell beruhte auf wissenschaftlicher Evidenz. Für eine sechsjährige Volksschule hingegen gibt es keine Lehrpläne oder Vorarbeiten, nicht genug ausgebildete Lehrkräfte, Schulraum etc. Was wird aus den von vier auf zwei Jahre „halbierten“ Mittelschulen?

Warum orientieren wir uns nicht am Südtirol Modell? Das ist eine vergleichbare Region mit einer Gemeinsamen Schule und hervorragenden Ergebnissen: halb so viele Kinder mit Leseschwächen und – trotz fehlender gymnasialer Langform – deutlich mehr Spitzenleistungen.

„Lehrlingspapst“ Egon Blum bemängelte schon vor Jahren die fehlenden Basics bei vielen Lehrlingen: Lesen, Schreiben und Rechnen. Wie heftig müssen die Probleme noch werden, bis Wirtschaftskammer und Industriellenvereinigung in Sachen Schulreform „ihre“ ÖVP zur Räson bringen? Eventuell nach dem Motto: „Geht´s der Schule gut, geht’s der Wirtschaft gut!“ Sowie Kindern und Eltern – sei hinzugefügt.

Wofür ich stehe?

Ich stehe für soziale Gerechtigkeit, bessere Schulen, Klimaschutz, Antirassismus, Integration, Grundrechte und Tierschutz.

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Meine Arbeit

Hier veröffentliche politische Kommentare. Sie erfahren auch alles über meine Arbeit aus meiner Zeit im Nationalrat (2008-2017): Reden, Anträge und Ausschussarbeit.


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