Soll die Ukraine jetzt in die EU?
Ist Ursula von der Leyen noch zu helfen? Die PrĂ€sidentin der EU-Kommission taumelt in der EU-AuĂenpolitik nur so dahin. Und die mĂ€chtigstens Staatschefs der Union unterstĂŒtzen sie dabei oft sogar. Den Schaden haben wir alle. Sichtbar wird das derzeit vor allem in der Frage, ob die Ukraine rasch in die EU aufgenommen werden soll. Mein Kommentar dazu in den Vorarlberger Nachrichten unter dem Titel âUkraine in die EU?â. Hier zum Nachlesen:
Mit Olaf Scholz und Emmanuel Macron haben sich am Wochenende zwei der mĂ€chtigsten MĂ€nner Europas dafĂŒr stark gemacht, der Ukraine und Moldau den Status von EU-Beitrittskandidaten zuzusprechen. Insgesamt stehen sieben weitere Staaten ante portas.
Der völkerrechtswidrige russische Krieg gegen die Ukraine hat in Europa zu einer ungeheuren Sympathie-Welle fĂŒr das angegriffene Land gefĂŒhrt. In einem Kommentar im âStandardâ meinte am Samstag der Osteuropa-Experte Wolfgang Mueller: âWenn Ăsterreich die EU, die Demokratie und den Westbalkan stĂ€rken will, ist dem mit einem klaren Bekenntnis zum Kandidatenstatus der Ukraine am besten gedient.â
Problematische Verfassung
Das stimmt wohl nur zum Teil. Dass weitere Beitritte osteuropĂ€ischer Staaten die EU stĂ€rken, ist mehr als nur fraglich. Das liegt vor allem â aber nicht nur â an der EU selbst. Die derzeitige Verfassung der Staatengemeinschaft und die ausgeprĂ€gten Veto-Rechte der Mitglieder bringen die Gemeinschaft nĂ€mlich schon derzeit in arge BedrĂ€ngnis.
Vor allem Ungarn und Polen verhindern oder verzögern bei jeder Gelegenheit notwendige Entscheidungen. Die Aufnahme neuer Mitglieder könnte zu einer weiteren LĂ€hmung der EU-Institutionen fĂŒhren. Die Verfassung der Gemeinschaft provoziert das geradezu, denn etwa im Bereich der AuĂenpolitik gilt das Einstimmigkeitsprinzip. Die Ukraine wĂ€re kĂŒnftig eines der gröĂten LĂ€nder in der Gemeinschaft und brĂ€chte all seine auĂenpolitischen Probleme mit Russland, aber auch die massiven innenpolitischen mit.
In der derzeitigen Situation ist der von Macron entlehnte Vorschlag von Bundeskanzler Karl Nehammer, fĂŒr die Ukraine einen âVorbereitungsraumâ einzurichten, wohl der vernĂŒnftigste. Er stöĂt das Land nicht vor den Kopf und lĂ€sst gleichzeitig Putin nicht triumphieren.
âPolitik der GefĂŒhleâIn einer wunderbaren Analyse der österreichischen Innenpolitik (âPolitik der GefĂŒhleâ) hat der Schriftsteller Josef Haslinger einst beschrieben, welche irrationalen Faktoren Menschen zu problematischen Wahlentscheidungen veranlassen. Haslingers Analyse hat ĂŒber unsere Landesgrenzen hinaus GĂŒltigkeit.
Politikerinnen und Politiker sollten eigentlich nicht anfĂ€llig sein fĂŒr GefĂŒhlsentscheidungen. Immerhin bestimmen sie oft auf Jahrzehnte hinaus, wie sich ihre Staaten oder eben die EU entwickelt. Wollen wir eine starke und handlungsfĂ€hige Gemeinschaft, die in der Lage ist, auch auĂenpolitisch die Verwirklichung jener Werte zu sichern, die wir die âeuropĂ€ischenâ nennen?
Dann sollten wir uns wohl Gedanken darĂŒber machen, wie die EU weiterentwickelt werden kann und ob am Ende nicht die föderalistisch aufgebauten âVereinigten Staaten von Europaâ stehen mĂŒssen, die zumindest eine gemeinsamen AuĂen- und Verteidigungspolitik betreiben, ohne dass einzelne Staaten stĂ€ndig die Veto-Keule schwingen. Erst dann ist die EU reif fĂŒr weitere Beitritte.
