7. Januar 2016

Schulverwaltung im Spiegel der Rechnungshofberichte

2016-01-07T21:17:10+01:0007.01.16, 13:41 |Kategorien: Bildung|Tags: , , , |

SchulverwaltungDie Regierung hat in ihrem Vorschlag fĂŒr die Bildungsreform im österreichischen Schulwesen Einsparungsmöglichkeiten von sechs Millionen Euro ausgemacht. Sehr bescheiden.

Ich habe mir mit meiner Kollegin Gabi Moser die Rechnungshofberichte der letzten Jahre angeschaut. Allein zum Schulbereich hat der RH ĂŒber 200 (!) Berichte verfasst und ein deutlich höheres Einsparungsvolumen ausgemacht – jedenfalls in einem niedrigen dreistelligen Millionenbereich. Wir haben das in einem kurzen Papier zusammengefasst (Schulreformen im Spiegel von Berichten des Rechnungshofes_Dez_2015). Zur Umsetzung braucht es allerdings den politischen Willen und Durchsetzungsvermögen.

Einige Beispiele fĂŒr Fehlentwicklungen und möglichen Einsparungen:

  • Fachpersonal fĂŒr Verwaltungsaufgaben (IT-Betreuung, Kustodiate, Bibliothek, 
): 13 Millionen
  • Verwaltungsaufwand fĂŒr das BundeslehrkrĂ€fte ist in Oberösterreich rund 20 Prozent höher als in Tirol (247 € zu 206 €).
  • FĂŒr die Besoldungsabwicklung verrechnet Oberösterreich dem Bund 117,72 €, das Bundesrechnungszentrum 44,16 €.
  • StellenplanĂŒberschreitung durch die LĂ€nder kosten dem Bund jĂ€hrlich ĂŒber 30 Millionen, weil der Bund pro Lehrkraft bis zu 20.500 € mehr aufwenden muss, als er von den LĂ€ndern rĂŒckvergĂŒtet bekommt.
  • Das Pensionsantrittsalter der LandeslehrkrĂ€fte ist mit 59,6 Jahren deutlich geringer als jenes der BundeslehrkrĂ€fte (61,2 Jahre).
  • Der ReprĂ€sentationsaufwand der AmtsfĂŒhrenden PrĂ€sidentInnen ist sehr unterschiedlich, in Oberösterreich beispielsweise dreieinhalb mal höher als in Tirol.

In den kommenden Monaten wollen wir daher in den Verhandlungen mit der Regierung eine klare und einfache Verwaltungsstruktur erreichen. Sie umfasst drei Stufen:

  1. Der Bund ist zustĂ€ndig fĂŒr Schulgesetzgebung und Schulorganisation sowie Schulbudgets und QualitĂ€tssicherung.
  2. In den BundeslĂ€ndern entstehen Bildungsdirektionen als Bundesbehörden, die fĂŒr die Steuerung, das Controlling und die Ressourcenverwaltung zustĂ€ndig sind. Ihnen obliegen bspw. flĂ€chendeckende Schulstandortkonzepte, die Grundausstattung der Schulen, die GewĂ€hrleistung der Grundversorgung mit Unterricht unter Wahrung der Wahlmöglichkeit fĂŒr SchĂŒlerInnen bzw. Eltern, die Bestellung der Schulleitung nach einheitlichem Auswahlverfahren usw.
  3. Die Schulen/SchulverbĂŒnde erhalten im Zuge der Schulautonomie die gesamte Verantwortung fĂŒr die Organisation und DurchfĂŒhrung des Unterrichts, die Personalauswahl (bei Beachtung objektiver Aufnahmekriterien) und die Personalsteuerung (Vorgesetztenstatus in Bezug auf LehrkrĂ€fte und sonstiges Personal, z. B. Schulwarte), die Unterrichtsgestaltung unter Beachtung der Bildungsziele, VerfĂŒgbarkeit ĂŒber finanzielle Ressourcen usw.

Das jetzige Inspektionssystem soll ersetzt werden durch eine weisungsunabhĂ€ngige Schulinspektion. Sie ist zustĂ€ndig fĂŒr die ÜberprĂŒfung der schulischen QualitĂ€t und die interne QualitĂ€tsentwicklung.

4. November 2015

GrĂŒne Bedingungen fĂŒr eine Zustimmung zur Schulreform!

2015-11-04T11:21:28+01:0004.11.15, 11:21 |Kategorien: Bildung|Tags: , |

PK_4.11.2015_mit GlawischnigGemeinsam mit Bundessprecherin Eva Glawischnig habe ich heute auf einer Pressekonferenz die GrĂŒnen Bedingungen fĂŒr eine Zustimmung zur Bildungsreform definiert. Eines ist schon klar: Von den ursprĂŒnglichen Reform-PlĂ€nen wird nur ein Bruchteil tatsĂ€chlich umgesetzt, von der Reform wird nur ein Reförmchen bleiben.

Beim versprochenen Ausbau der Schulautonomie droht eine Ausweitung der MĂ€ngelverwaltung an Schulen, denn das Bildungsbudget ist auch fĂŒr die kommenden Jahre bewusst zu knapp bemessen.

Zu eng ist auch das Korsett der gesetzlichen Rahmenbedingungen der Schulorganisation geschnĂŒrt, zu verfilzt der Proporz in der Verwaltung, als dass sich Schulen entwickeln und ihr pĂ€dagogischen Potenzial entfalten könnten. Unsere Zustimmung zur einer Reform im Bildungsbereich kann es nur geben, wenn folgende Bedingungen erfĂŒllt sind:

1. Modellregionen zur Gemeinsamen Schule ermöglichen. Mehrere BundeslĂ€nder planen die Einrichtung von Modellregionen zur Gemeinsamen Schule. Bisher ist völlig unklar, auf welcher bundesgesetzlichen Grundlage eine EinfĂŒhrung möglich ist. Hier muss Klarheit geschaffen und echte Innovation ermöglicht werden.

2. FĂŒr die Kleinsten das Beste. Wir wollen einen Rechtsanspruch auf einen Platz in einer elementarpĂ€dagogischen Einrichtung ab dem vollendeten ersten Lebensjahr, einen bundesweit gĂŒltigen QualitĂ€tsrahmen und tertiĂ€re Bildung fĂŒr ElementarpĂ€dagogInnen.

3. Ausfinanzierung des Bildungssytems. Das bedeutet, dass strukturelle Mehrausgaben durch GehaltsvorrĂŒckungen und –erhöhung, durch VerĂ€nderung der SchĂŒlerInnenströme und Mehrbedarf fĂŒr Tagesbetreuung, Neue Mittelschulen, Sprachförderung und sonderpĂ€dagogische Förderung automatisch berĂŒcksichtigt und finanziert werden.

4. Demokratie rein, Parteien raus aus der Schulverwaltung. Wir wollen eine Entparteipolitisierung der Schulverwaltung. Das bedeutet, dass die Kollegien der LandesschulrĂ€te nicht mehr nach dem parteipolitischen Proporz besetzt, sondern durch SchulpartnerrĂ€te abgelöst werden, in denen (möglichst direkt) gewĂ€hlte VertreterInnen der SchĂŒlerInnen, LehrkrĂ€fte und Eltern Sitz und Stimme haben.

5. Echte Schulautonomie statt MĂ€ngelverwaltung. Bisher ist jeder Ausbau von Schulautonomie darauf hinaus gelaufen, dass Schulen autonom entscheiden mussten, welche Unterrichtsstunden gestrichen, welche Fördermaßnahmen entfallen und welche FreigegenstĂ€nde gestrichen werden sollen, um das nĂ€chste Sparziel zu erreichen. Wir brauchen Autonomie bei Auswahl und Einsatz des Lehrpersonals, bei der Gestaltung des Unterrichts, bei der Erstellung von StundenplĂ€nen, bei der inhaltlichen Schwerpunktsetzung, bei der Gestaltung des Tagesablaufes und der Planung des Unterrichtsjahres.

6. Transparenz in der Verwaltung, klare Verantwortlichkeiten und ein Ende des BĂŒrokratiedschungels. Derzeit werden noch sechs Modelle zur zukĂŒnftigen Schulverwaltung verhandelt. Von der totalen „Verbundlichung“ und völligen Entmachtung der BundeslĂ€nder bis hin zur – bereits als deutlich teurer bekannten – gĂ€nzlichen „VerlĂ€nderung“ des Bildungswesens. Dazwischen gibt es vier Mischformen, die den gegenseitigen Einfluss von Bund und LĂ€ndern auch weiterhin vorsehen, wenn auch in abgemilderter Form. Wir wollen eine faire Mittelzuteilung an die Schulen, Transparenz bei der Verwendung von Bundesmitteln und Service statt BĂŒrokratie fĂŒr die Schulen. Einsparungen durch mehr Effizienz sollen direkt den SchĂŒlerInnen zu Gute kommen.

7. Ausbau ganztĂ€giger Schulen und schĂŒlerInnengerechter Tagesablauf. Durch die Mehrgleisigkeit bei der Finanzierung ganztĂ€giger Schulen (Gemeinden, LĂ€nder und Bund tragen je ein Drittel bei) erfolgt der Ausbau nur schleppend. Dazu kommt die Unsicherheit, wer fĂŒr die laufenden Personalkosten ab 2018 zustĂ€ndig ist. SchĂŒlerInnen und Eltern bleiben auf der Strecke und mĂŒssen weiterhin auf qualitĂ€tsvolle Tagesbetreuung, UnterstĂŒtzung bei den Hausaufgaben, eine warme Mittagsmahlzeit und einen schĂŒlerInnegerechten Tagesablauf warten.

8. Zweidrittel-Blockade beenden. Neben sinnvollen Regelungen wie der Schulgeldfreiheit und dem gleichen und freien Zugang zum öffentlichen Schulsystem, sind auch der konfessionelle Religionsunterricht, der Parteiproporz in der Schulverwaltung und eine „angemessene Differenzierung“ auf der Sekundarstufe verfassungsrechtlich verankert. Wir brauchen endlich mehr Gestaltungsspielraum und weniger Blockademöglichkeiten, damit Schulen endlich den Anschluss ans 21. Jahrhundert finden.

Am 17. 11. beginnt die Arbeit erst, denn zu mehr als einer Punktation wird es bei der Regierung nicht reichen. Es ist noch ein langer und mĂŒhsamer Weg.

12. Mai 2015

ÖVP-Klassenkampf ums Klassenzimmer

2015-05-12T11:49:13+02:0012.05.15, 11:48 |Kategorien: Bildung|Tags: , , |

Neugebauer_raketaDie jungen Wilden in der ÖVP trauen sich was: Eher unbemerkt von der ParteifĂŒhrung schmuggeln sie in das neue Parteiprogramm eine Formulierung, die auf „die EinfĂŒhrung der gemeinsamen Schule der 10- bis 14-JĂ€hrigen“ hinauslĂ€uft. Das war im Jahr 1975! Erst nach der Beschlussfassung gingen die Wogen parteiintern hoch, man einigte sich schließlich auf das Totschweigen des Themas. Das schilderte vor einiger Zeit jemand, der es wissen muss, weil er dabei war: Bernd Schilcher.
Heute und somit 40 Jahre spĂ€ter wird auf dem ÖVP-Parteitag der jahrzehntelange bildungspolitische Retrokurs der Schwarzen parteiprogrammatisch in Beton gegossen: Die aus der Mitte des 19. Jahrhunderts stammende Schulform des achtjĂ€hrigen Gymnasiums wird zum Partei-Dogma erhoben.
Einerseits will sich die ÖVP als Partei der Reform darstellen – man denke etwa an den Auftritt Reinhold Mitterlehners auf dem Vorarlberger Landesparteitag in Sachen Schulreform: „Wir haben zwar im Parteiprogramm das Gymnasium noch erwĂ€hnt, sind aber auf der anderen Seite offen fĂŒr neue Entwicklungen.“ Andererseits blockiert sie jede kritische Auseinandersetzung mit dem Schulsystem. Verantwortlich dafĂŒr zeichnet vor allem StaatssekretĂ€r Harald Mahrer. Er hat mehrfach bekundet, er finde es „geradezu obszön“, wenn in Zeiten wie diesen ĂŒber Strukturen im Bildungssystem geredet werde. Es lohne sich nicht, â€žĂŒber Schulstrukturen, föderale ZustĂ€ndigkeiten oder KlassengrĂ¶ĂŸen zu streiten“.
Schade, dass Mahrer und seine Mitstreiter nicht ein wenig im Nationalen Bildungsbericht geblĂ€ttert haben, denn dort hĂ€tten sie Bemerkenswertes entdeckt: Kommt ein Kind mit schlechten Startbedingungen in eine Klasse mit einem hohen Anteil an benachteiligten Kindern, entstehen genau jene desaströsen Ergebnisse, die wir immer wieder beklagen. Umgekehrt gilt: In sozial gut durchmischten Schulen erzielen Kinder aus bildungsschwachen Familien viel bessere Ergebnisse als sozial vergleichbare Kinder an so genannten „Brennpunktschulen“. Wenn also das Gymnasium die Besten „absaugt“, verschĂ€rft man das Problem an den Haupt- und Neuen Mittelschulen. Wie – außer mit einer Strukturreform – kann man das beseitigen? Die LehrkrĂ€fte können es jedenfalls mit noch so viel Einsatz nicht lösen.
In puncto Chancengerechtigkeit sind, dem Nationalen Bildungsbericht zufolge, die Ergebnisse des heimischen Bildungssystems beschĂ€mend. Bildungsverlierer sind vor allem – aber nicht nur – Kinder mit migrantischem Hintergrund.
Das hĂ€ngt auch mit der Art der Auswahl der „Guten“ und „weniger Guten“ zusammen: Sie ist weder gerecht noch vom „Leistungsgedanken“ geprĂ€gt. Das Kriterium, das ĂŒber die Aufnahme von Kindern in die AHS-Unterstufe entscheidet, sind die Schulnoten. Und die sind nur sehr beschrĂ€nkt leistungsbezogen. Der österreichische Expertenbericht zur PIRLS-Studie gibt Auskunft: Die 20 Prozent der schlechtesten SchĂŒlerinnen und SchĂŒler mit der Deutschnote „Sehr gut“ haben dieselbe (!) Testleistung erzielt wie die besten aus der Gruppe mit einem Nicht genĂŒgend. Noten sind also offensichtlich ungerecht, zudem haben sie nichts mit einer Bewertung von Lernfortschritten und erreichtem Wissen zu tun.
In den Volksschulen brauchen wir sie aber vor allem, um die Kinder schon mit zehn Jahren zu trennen. Kinder von Eltern aus bildungsnahen Schichten haben da massive Vorteile – Lehrerinnen und Lehrer der Volksschule geben gerne Auskunft ĂŒber den Druck, dem sie in der Notengebung ausgesetzt sind.
Darum geht es in Wirklichkeit: Der Kampf der ÖVP gegen eine grundlegende Schulreform ist lĂ€ngst ein Klassenkampf ums Klassenzimmer geworden. Die Ober- und Mittelschicht möchte unter sich bleiben, im Wohnviertel genauso wie in der Schule. Wenn das garantiert ist, stört auch die vielfach nachgewiesene mangelnde LeistungsfĂ€higkeit des gegenwĂ€rtigen Systems nicht.
Wer den Fortbestand des traditionellen achtjĂ€hrigen Gymnasiums als bĂŒrgerliche Errungenschaft des 19. Jahrhunderts und als Hort der humanistischen Allgemeinbildung verteidigt, hat nicht begriffen, dass sich unsere Gesellschaft radikal verĂ€ndert hat. Etwa ein Viertel von Österreichs SchĂŒlern und SchĂŒlerinnen hat Migrationshintergrund. Es war schon immer ein Problem, dass Kinder aus unteren sozialen Schichten ungeachtet ihrer tatsĂ€chlichen Potentiale vornehmlich in den Haupt- und Sonderschulen landeten. Das wird durch die Zuwanderung von Familien mit nichtdeutscher Umgangssprache sehr viel deutlicher, als es bislang der Fall war.
Übrigens: Wer waren denn die anderen „jungen Wilden“, die in der ÖVP 1975 die Gemeinsame Schule sogar programmatisch durchgesetzt haben? Bernd Schilcher nennt seine damaligen Mitstreiter: Neben dem bis heute ausgewiesenen Schulexperten Rupert Vierlinger waren es Wolfgang SchĂŒssel und Fritz Neugebauer.

Bild: raketa.at

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Ich stehe fĂŒr soziale Gerechtigkeit, bessere Schulen, Klimaschutz, Antirassismus, Integration, Grundrechte und Tierschutz.

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