27. November 2025

Habermas weist den Weg nach Europa!

2025-11-27T20:46:36+01:0027.11.25, 20:46 |Kategorien: Allgemein|Tags: , , |

Braucht es wirklich einen 96-jĂ€hrigen Philosophen, der dem europĂ€ischen politischen Establishment den Weg in die Zukunft weist? Es scheint so. JĂŒrgen Habermas hat letzte Woche Klartext gesprochen. Kurz zusammengefasst: Wir brauchen mehr Europa! Dazu habe ich unter dem Titel „Chance fĂŒr Europa“ in den Vorarlberger Nachrichten einen Kommentar verfasst:

Die diplomatischen Turbulenzen rund um einen möglichen Friedensvertrag fĂŒr die Ukraine machen Europas geopolitisches Dilemma sichtbar. Verhandelt haben zuerst die USA und Russland, dann erst wurden die EU, Großbritannien und auch die Ukraine einbezogen. Auch China will gehört werden. Ein von allen Parteien akzeptierter Friedensplan scheint derzeit in weiter Ferne.

Die EU tut sich mit einer klaren Positionierung schwer, gibt es doch Mitgliedsstaaten, die sogar dem ursprĂŒnglichen Trump-Plan zustimmen wollten. Die Mehrstimmigkeit schwĂ€cht den „Alten Kontinent“ massiv. Zudem gibt es kaum Stimmen mit politischem Gewicht, die einen Weg aus dieser schwierigen Situation weisen wĂŒrden.

Immerhin hat mit JĂŒrgen Habermas letzte Woche ein Philosoph bei einem Vortrag in MĂŒnchen und in einem Artikel fĂŒr die SĂŒddeutsche Zeitung („Von hier an mĂŒssen wir alleine gehen“) die Richtung gewiesen: Wir brauchen mehr Europa!

China, Russland und zuletzt sogar die USA sehen in den liberalen Demokratien Europas Auslaufmodelle. Die drei WeltmÀchte sind oder entwickeln sich zu autoritÀren Regimen. Völkerrecht? Egal. Menschenrechte? Das war einmal. Und auch in Europa sind die Feinde einer offenen Gesellschaft im Aufwind.
Diese Entwicklung hat sich schon lĂ€nger angebahnt. Die Bevölkerung in den USA ist seit dem 11. September 2001 tief verunsichert. Die einstige Supermacht hat seither zunehmend an Einfluss verloren. Das Ergebnis ist ein großspurig auftretender Politiker wie Trump mit seiner unberechenbaren Politik. Seither sind die USA kein verlĂ€sslicher Partner mehr.

Auf diese Entwicklung muss die wirtschaftliche Großmacht EU eine Antwort finden. Die kann nur darin bestehen, die politische Einigung voranzutreiben. Und dies im Gegensatz zu den drei genannten MĂ€chten unter Beibehaltung menschen- und völkerrechtlicher Prinzipien.

Allerdings sind neben den Rechtspopulisten vor allem die jĂŒngeren EU-Mitglieder in Osteuropa ein Hemmschuh fĂŒr so eine Entwicklung. Diese LĂ€nder sind zwar die vehementesten BefĂŒrworter einer massiven AufrĂŒstung aller MitgliedslĂ€nder, gleichzeitig aber am wenigstens bereit, ihre „nationalstaatlichen VerfĂŒgungsgewalten“ zugunsten eines starken Europa einzuschrĂ€nken.

Das wird sich so nicht ausgehen. Daher wurde schon vor Jahren die Idee eines „Kerneuropa“ diskutiert. Begeisterung fĂŒr Europa wĂ€re auch eine Chance, dem zunehmenden Nationalismus und Rechtspopulismus etwas entgegenzusetzen. Auch Österreich wird Farbe bekennen mĂŒssen: mitgestalten und Mitglied dieses „Kerneuropa“ sein oder die Entwicklung von der Seitenlinie aus betrachten?

Habermas mit seinen 96 Jahren sieht und beschreibt die Herausforderungen klar. Fehlt nur noch, dass auch die politisch Verantwortlichen die Notwendigkeiten erkennen.

9. Mai 2024

Ach, Europa!

2024-05-09T12:20:30+02:0009.05.24, 9:52 |Kategorien: Allgemein|Tags: , , |

Das Projekt Europa wird immer mehr zu einem Überlebensprojekt Europa. Unter dem Titel „Wer rettet Europa?“ habe ich dazu in den Vorarlberger Nachrichten diesen Kommentar publiziert:

Wenn es um die Zukunft der EU geht, sieht sich vor allem Frankreich in der Pflicht und auch gerne in der Hauptrolle. Zuletzt ist das wohl nicht ganz zufÀllig wieder kurz vor den Wahlen zum EU-Parlament Anfang Juni deutlich geworden.

An der EliteuniversitĂ€t „Sorbonne“ hielt StaatsprĂ€sident Emanuel Macron eine in seiner von Kommunikationsabteilung schon im Vorfeld hochgespielten „Rede an Europa“. Das hatte 2017 kurz nach seinem Amtsantritt schon nicht so richtig geklappt. Diesmal reichte es gar nur fĂŒr eine 24-Stunden-Aufmerksamkeitsspanne. Was in Erinnerung bleiben könnte, ist seine zentrale Aussage, Europa sei „sterblich“. Das allerdings haben wir zuvor auch schon befĂŒrchtet.

Auch aus DeutschlandÂŹÂŹ, traditionell seit Jahrzehnten der engste Partner in der EU, gab es eine eher zurĂŒckhaltende Reaktion. Bundeskanzler Olaf Scholz meinte, Frankreich und Deutschland wollen, „dass Europa stark bleibt“. Das wiederum haben wir zuvor auch schon gehofft.

„Starkes Europa“

Immerhin gab es Hinweise darauf, wie ein „starkes Europa“ ausschauen soll: gefordert wurde eine ehrgeizige RĂŒstungs- und Industriepolitik und eine Verdoppelung der finanziellen Mittel fĂŒr die EU. Darf das wahr sein? Will man damit die Herzen der Menschen gewinnen? Dazu wird es deutlich mehr brauchen. Eine „Sozialunion“ etwa mit einem gerechten Steuersystem und Hilfe fĂŒr all jene, die sie brauchen, wirtschaftliche WettbewerbsfĂ€higkeit, Sicherheit sowie klima- und umweltfreundliche „Enkeltauglichkeit“.

Es ist lange her, dass charismatische Persönlichkeiten in der Lage waren, Zuversicht zu vermitteln und LösungsansÀtze zu prÀsentieren. Man denke etwa an Leopold Figl oder Bruno Kreisky, auf europÀischer Ebene an einen Charles de Gaulle oder Willy Brandt. Heute dominiert Pessimismus, statt LösungsansÀtzen gibt es Fatalismus. Der Brexit war der erste Hammerschlag, seither arbeiten Rechtsextreme und Rechtspopulisten weiter daran, das fragile europÀische Konstrukt und die nationalen Demokratien zu unterminieren.

Klar ist auch, dass unser Kontinent immer mehr an Bedeutung in der Welt verliert, zuletzt sogar im ökonomischen Bereich: Die EU wĂ€chst wirtschaftlich deutlich langsamer als die USA oder China, militĂ€risch ist man ein offenkundiger BĂŒttel der USA.

Statt eine europĂ€ische Idee zu prĂ€sentieren, forderte Macron „Lösungen“, die vor allem der französischen MilitĂ€rindustrie zugutekĂ€men. Damit wird man keine Begeisterung fĂŒr das „Projekt Europa“ erreichen.

Geht es bei der Wahl im Juni bereits um das große Ganze? Ist die EU in Gefahr? Politische Visionen sind jedenfalls nicht in Sicht, destruktive KrĂ€fte aber sehr wohl. Statt auf europĂ€ischer Ebene Lösungen zu prĂ€sentieren fĂŒr die großen Herausforderungen dominieren nationale AlleingĂ€nge, Kleingeistigkeit und destruktive KrĂ€fte. Wir sind gut beraten, die kommenden Wahlen zum EU-Parlament so ernst zu nehmen, wie sie es sind, um die bedrohlichen Trends zu stoppen!

29. MĂ€rz 2021

Elefant im Porzellanladen

2021-03-29T08:56:20+02:0029.03.21, 8:55 |Kategorien: Allgemein|Tags: , , , |

Sebastian Kurz gebĂ€rdet sich in der EU derzeit wie der berĂŒchtigte „Elefant im Porzellanladen“. Wie groß ist der außenpolitische Schaden, den er durch seine sachlich nicht gerechtfertigten Frontalattacken auf „die EU“  angerichtet hat. Dazu mein Kommentar in den „Vorarlberger Nachrichten“ unter dem Titel „Schaden fĂŒr Österreich“. Hier zum Nachlesen:

Das deutsche Magazin „Der Spiegel“ bringt es auf den Punkt: „Sebastian Kurz hat sich verzockt.“ Besonnene Politikerinnen und Politiker in ganz Europa schĂŒttelten in den vergangenen Tagen nur noch den Kopf: Was fĂŒhrt denn da der österreichische Bundeskanzler in Sachen Impfdosen auf?

Kurz tobt seit einiger Zeit ĂŒber einen „Basar“ in BrĂŒssel, wo man angeblich hinter verschlossenen TĂŒren feilsche. Impfdosen wĂŒrden auf unerklĂ€rliche Weise ungleich auf einzelne EU-LĂ€nder verteilt. An der ungleichen Zuteilung trĂ€gt aber nicht „die EU“ Schuld. Sie hat von Anfang an vorgeschlagen, den Impfstoff aller Anbieter gleichmĂ€ĂŸig an die Mitgliedsstaaten aufzuteilen. Einige LĂ€nder waren dagegen, weil sie ganz bestimmte Hersteller bevorzugten. Nach den Lieferschwierigkeiten insbesondere von Astra Zeneca war die Zuteilung dementsprechend ungleich.

Gerechte Verteilung?

In dieser Notlage gelang es der EU, vom Hersteller Biontech/Pfizer kurzfristig zehn Millionen zusĂ€tzliche Impfdosen zu erhalten. Österreichs Kanzler forderte nun eine „gerechte“ Verteilung und machte sich zum FĂŒrsprecher von LĂ€ndern wie Bulgarien, Lettland oder Kroatien.

Die EU hat letzte Woche im Sinne der europĂ€ischen SolidaritĂ€t einen vernĂŒnftigen Vorschlag zur Verteilung des Kontingents gemacht: 30 Prozent der Dosen fĂŒr LĂ€nder, die im Hintertreffen sind, die restlichen 70 Prozent entsprechend dem BevölkerungsschlĂŒssel. Einige Mitgliedsstaaten haben das blockiert, darunter leider auch Österreich.

Bei einer gleichmĂ€ĂŸigen Verteilung bekĂ€me Österreich entsprechend dem BevölkerungsschlĂŒssel 200.000 Impfdosen. Wenn aber die „Zukurzgekommenen“ im Sinne der europĂ€ischen SolidaritĂ€t mehr bekommen sollen, bedeutet das logischerweise weniger Impfstoff fĂŒr die anderen. Österreich, das bislang genau entsprechend der Bevölkerung beliefert wurde, fordert aber sogar 400.000 Dosen aus dem zusĂ€tzlichen Kontingent. Was denn jetzt?

Scherbenhaufen

Das fragen sich die anderen LĂ€nder auch. In den europĂ€ischen HauptstĂ€dten reagiert man pikiert auf Österreich. Bei seinem Besuch in Berlin blieb die TĂŒr ins BĂŒro von Angela Merkel fĂŒr Sebastian Kurz sogar verschlossen. Sie schickte ihn weiter zum BundesprĂ€sidenten, der mit Impfdosen eher wenig zu tun hat.

Frankreichs PrĂ€sident Macron zeigte sich ebenfalls erbost ĂŒber unseren Kanzler. Der niederlĂ€ndische MinisterprĂ€sident schĂŒttelte nur den Kopf, und Italiens Premierminister Mario Draghi meinte kurz und bĂŒndig: „Kurz wird keine einzige zusĂ€tzliche Dose erhalten.“

Was bleibt von den ungestĂŒmen Auftritten des Kanzlers? Ein außenpolitischer Scherbenhaufen und ein Schaden fĂŒr Österreich. Wir sind innerhalb der EU isoliert und haben nur noch problematische VerbĂŒndete: zunehmend autoritĂ€r regierte Staaten in Osteuropa.

War’s das wert?

WofĂŒr ich stehe?

Ich stehe fĂŒr soziale Gerechtigkeit, bessere Schulen, Klimaschutz, Antirassismus, Integration, Grundrechte und Tierschutz.

Hier erfahren sie mehr


Meine Arbeit

Hier veröffentliche politische Kommentare. Sie erfahren auch alles ĂŒber meine Arbeit aus meiner Zeit im Nationalrat (2008-2017): Reden, AntrĂ€ge und Ausschussarbeit.


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