29. Januar 2026

Europa am Scheideweg

2026-01-29T17:38:37+01:0029.01.26, 17:38 |Kategorien: Allgemein|Tags: , , , , |

Entweder gelingt es uns, die Notwendigkeit eines starken und an Menschen- sowie Völkerrecht orientierten Europa selbstbewusst auf der weltpolitischen Bühne wahrzunehmen, oder unser Kontinent landet auf dem Speiseplan der drei Großmächte. Unter dem Titel „Quo vadis, Europa?“ habe ich dazu einen Kommentar in den Vorarlberger Nachrichten geschrieben:

Schade, dass der neue kanadische Premierminister Mark Carney kein Europäer ist. Er hat beim Weltwirtschaftsforum in Davos jene klare Gegenposition zu Donald Trump formuliert, die man sich von europäischen Verantwortlichen erhofft hat. Um dem Druck der USA standzuhalten, müssten die „Mittelmächte“ zusammenhalten – also Staaten wie Deutschland, Großbritannien, Kanada oder Indien.

Carney skizzierte nämlich eine liberale neue Weltordnung, in der die „Mittelmächte“ durch Zusammenarbeit eine ihrer wirtschaftlichen Bedeutung entsprechende Rolle spielen sollen. Ansonsten würden sie eines Tages auf der „Speisekarte“ der jetzigen drei großen Weltmächte stehen: „If you’re not at the table, you’re on the menu.“

Diese Thesen könnten Trump mittel- und langfristig weit mehr Schwierigkeiten machen als die derzeitigen innenpolitischen Proteste gegen seine völlig außer Kontrolle geratene „Einwanderungsbehörde“ ICE und ihren Todesschützen.

Ähnlich wie Kanadas Premier argumentiert mit Herfried Münkler einer der renommiertesten Politologen. Er verweist darauf, dass Trumps in Davos eingerichteter Friedensrat die Zerstörung der UNO und der jetzigen – wenn auch fragilen – regelbasierten Weltordnung bedeutet. Wer das nicht wolle, für den gebe es großen Handlungsbedarf.

Wohin die Reise gehen soll, skizzierte er zusammengefasst so: Die EU mit Deutschland und Frankreich an der Spitze sei schon jetzt ein wirtschaftlicher Gegenpart zu den drei Großmächten – im Gegensatz zu diesen als funktionierende Demokratie und ohne imperialistische Ansprüche. Europa hat jene wirtschaftliche Macht, aus der sich eine politische und militärische entwickeln kann. Es braucht aber mehr Selbstbewusstsein und eine organisatorische Weiterentwicklung.

Zudem sieht Münkler die Atommacht Indien angesichts der dortigen wirtschaftlichen Dynamik auf dem Weg zur Großmacht. Der diese Woche ausgehandelte Freihandelsvertrag zwischen der EU und Indien könnte also beide stärken und aus den jetzigen drei Weltmächten fünf machen.
Bei drei Weltmächten bestehe die Gefahr, „dass zwei sich gegen den Dritten zusammenrotten“. Das sei beispielsweise nach 1945 passiert: Aus den ursprünglich drei Großmächten USA, Großbritannien und Russland wurden schlussendlich nur noch zwei und die im Kalten Krieg endende „bipolare Ordnung“: „Fünfersysteme können nicht derartige Übergewichte wie beim Zwei-zu-Eins generieren. Sie haben eine höhere Fähigkeit der Ausbalancierung.“

Ob die Ideen des kanadischen Ministerpräsidenten oder eines angesehenen Politologen: Es ist höchst an der Zeit, dass auch jemand aus der EU zukunftsweisende Gedanken zur künftigen Rolle Europas präsentiert! Von den führenden Köpfen in Deutschland oder Frankreich ist derzeit diesbezüglich wenig zu hören. Müssen wir auf Mark Carney hoffen? Kanada in die EU? Das wäre doch eine Ansage an Donald Trump!

28. November 2022

Politische Heuchelei

2022-11-28T08:23:31+01:0028.11.22, 8:12 |Kategorien: Gesellschaft|Tags: , , , |

Nein, in meinem Kommentar geht es nicht um Sebastian Kurz, sondern ein generelles Problem unserer Geselschaft und eine zentrale Frage: Wann müssen oder können die Verantwortlichen in der Politik moralische Maßstäbe anlegen und wann nicht? Eindeutig beantworten lässt sich die Frage wohl nicht. Es gibt aber offenkundige Heuchelei. Unter dem Titel „Moral und Politik“ habe ich in den Vorarlberger Nachrichten einen Kommentar dazu verfasst.

Zurecht ist die Empörung groß: Der verbrecherische russische Angriffskrieg ist ein eklatanter Bruch des Völkerrecht. Er bringt Tod und Elend in die Ukraine. Auch in Russland selbst führt der Krieg zu immer stärkeren Repressionen gegen wirkliche oder auch nur vermutete Gegner des Putin-Regimes. In ganz Europa, vor allem aber im Osten unseres Kontinents, ist die Angst vor einer Ausweitung des Kriegs groß.

Ob die vor allem von den USA, der EU und Großbritannien verhängten Sanktionen wirklich die beabsichtige Wirkung erzielen, sei dahingestellt. Als Ausdruck moralischer Entrüstung sind sie allemal verständlich. Oder steckt etwas anderes dahinter? Ist die Entrüstung glaubwürdig?

Zweierlei Maß

Im Jemen tobt seit sieben Jahren ein von Saudi-Arabien angezettelter Krieg. Mit dabei sind Länder wie Ägypten, Bahrain, Kuwait, die Arabischen Emirate und weitere Staaten der Region. Ein klarer Verstoß gegen das Völkerrecht. Laut UN sind bislang fast 250.000 Tote zu beklagen, darunter viele Kinder. Ziel ist es, die sunnitischen Kräfte gegen die schiitischen zu unterstützen.

Es war daher konsequent, dass das EU-Parlament in einer Resolution ein Waffenembargo gegen Saudi-Arabien gefordert hat. Das bleibt allerdings seit Jahren weitgehend folgenlos. Im Gegenteil: Die Angreifer werden durch die USA und europäische Staaten wie Frankreich oder Großbritannien sogar unterstützt.
Wo bleibt der Aufschrei in Europa? Ist der Jemen schlicht zu weit entfernt, um bei uns trotz des unglaublichen Elends im Land die Entrüstungsspirale in Gang zu setzen? Oder sind Länder wie Saudi-Arabien oder die Golfstaaten als Lieferanten von Öl und Gas schlicht zu wichtig?

Beispiel Türkei

Zuwenig Beachtung findet bei uns derzeit auch der seit einigen Tagen stattfindende völkerrechtswidrige Angriff der Türkei auf die weitgehend autonomen kurdischen Gebiete in den Nachbarstaaten Syrien und Irak. Als Begründung gibt die Türkei an, aus diesen Regionen hätten jene Unterstützung erhalten, die für den Terroranschlag mit sechs Toten in einer Istanbuler Einkaufsstraße verantwortlich seien. Beweise oder auch nur Indizien dafür gibt es nicht einmal ansatzweise.
Politische Beobachter halten innenpolitische Gründe als Ursache für die Angriffe für viel wahrscheinlicher: Präsident Recep Tayyip Erdoğan wolle angesichts der im nächsten Jahr stattfindenden Präsidentenwahl von der katastrophalen Wirtschaftslage mit einer Inflationsrate von über 85 Prozent ablenken. Mehrere hundert Tote durch die türkischen Bombardements fallen da offensichtlich nicht so ins Gewicht.

In der Presseschau der deutschen Bundeszentrale für politische Bildung war dazu zu lesen: „Zynismus und Heuchelei. Doppelte Standards. Die Türkei tut das, was Russland in der Ukraine tut, nur in kleinerem Maßstab.“ Moral in der Politik?

Wofür ich stehe?

Ich stehe für soziale Gerechtigkeit, bessere Schulen, Klimaschutz, Antirassismus, Integration, Grundrechte und Tierschutz.

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Meine Arbeit

Hier veröffentliche politische Kommentare. Sie erfahren auch alles über meine Arbeit aus meiner Zeit im Nationalrat (2008-2017): Reden, Anträge und Ausschussarbeit.


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