Rechtsextremismusdebatte: âWas gerade niemandem weh tutâ

Petra Stuiber vom Standard hat gestern einen Kommentar veröffentlicht: âKurz muss Straches Rechts-auĂen-Problem hinnehmen â oder Neuwahlen forcieren.â In vielem, was Stuiber schreibt, stimme ich zu. Ich möchte hier aber nur auf eine Passage eingehen, weil an ihr einiges abzulesen ist:
âEine weitere interessante Erkenntnis ist, dass die gröĂte Oppositionspartei SPĂ weiter jede Gelegenheit auslĂ€sst, die Regierung in BedrĂ€ngnis zu bringen. Statt tĂ€glich gegen rechts zu trommeln und Konsequenzen vom Kanzler zu fordern, will Parteichefin Pamela Rendi-Wagner einen âRechtsextremismusbeirat‘ grĂŒnden. Das klingt redlich und staatstragend â und tut gerade niemandem weh.“
1 Stuiber unterschlĂ€gt, dass die SPĂ auch eine Erstellung eines Rechtsextremismusberichts angekĂŒndigt hat:
âDa der jĂ€hrliche Rechtsextremismus-Bericht unter der ersten schwarz-blauen Bundesregierung abgeschafft wurde, fehle eine fundierte Basis zur Aufarbeitung bzw. eine umfassende Arbeitsgrundlage fĂŒr weitere TĂ€tigkeiten in diesem Bereich. Das soll der neue Beirat liefern, der noch im April gebildet werden soll.â
Klar, es ist ein Projekt, das vielleicht nicht âgeradeâ jemandem weh tut, aber dennoch eines, das prinzipiell zu begrĂŒĂen ist. Wir GrĂŒne haben 2016, als die Zahlen der rechtsextremen Straftaten explodiert sind, einen 130-seitigen Bericht vorgelegt. Die geplante FortfĂŒhrung mit regelmĂ€Ăigen Enqueten (die letzte war 2017, siehe unten!) wurde jedoch durch den Rausflug aus dem Nationalrat gestoppt.
2 Es ist ein â keinesfalls neues â Dilemma: Oppositionspolitik wird medial (vorwiegend) daran gemessen, was jemandem gerade weh tut, was ĂŒbersetzt auch heiĂt: je mehr Show, desto mehr mediale Resonanz, desto mehr (angebliche) Effizienz. LĂ€ngerfristige politische Arbeit, die nicht sofort in Knalleffekte mĂŒndet, erntet keine oder geringfĂŒgige Wahrnehmung.
Wir GrĂŒne haben uns ab der ParteigrĂŒndung mit Rechtsextremismus beschĂ€ftigt, zuletzt waren wir im Nationalrat drei Abgeordnete (Karl Ăllinger, Albert Steinhauser und ich), die das Thema systematisch bearbeitet haben. Ăllinger hat 2010 die Plattform âStoppt die Rechtenâ ins Leben gerufen, sie ist heute das umfangreichste offen zugĂ€ngliche Archiv zu Rechtsextremismus in Ăsterreich.
Fast alles das, was in den letzten zwei Wochen zu den Verbindungen der FPĂ mit den IdentitĂ€ren die Medien fĂŒllt, haben wir ĂŒber Jahre hinweg aufgezeigt und thematisiert. Das hat damals halt gerade niemandem weh getan, um bei Stuibers Formulierung zu bleiben. War es deshalb weniger richtig, es zu tun?
Dass Martin Sellner ein Neonazi war, wissen wir seit vielen Jahren. Und jetzt kocht medial hoch, dass er vor 13 Jahren Pickerl mit Hakenkreuzen in Baden geklebt hat. Ăberraschung: Neonazis setzen neonazistische AktivitĂ€ten. Wohl weit relevanter mĂŒsste sein, dass Sellner mutmaĂlich als Administrator bei der Neonazi-Plattform alpen-donau.info tĂ€tig war. FĂŒr die AktivitĂ€ten in dem Forum sind einige Beteiligte, darunter Gottfried KĂŒssel, rechtskrĂ€ftig verurteilt worden.
3 Dass die SPĂ seit dieser Legislaturperiode mit Sabine Schatz wenigstens eine Abgeordnete in ihren Reihen hat, die sich mit dem Thema âRechtsextremismusâ beschĂ€ftigt, ist sehr gut. Sie tut vermutlich, was ihr möglich ist und wird vermutlich regelmĂ€Ăig an Grenzen stoĂen: nĂ€mlich jene, dass Teile der Arbeit nicht wahrgenommen werden, weil sie angeblich gerade niemandem weh tun â heiĂt: medial auch nicht aufgenommen werden.
Wenn die SPĂ nun einen Rechtsextremismusbeirat grĂŒnden und einen Bericht erstellen will, hat es dennoch einen parteipolitischen Beigeschmack: Was hindert die SPĂ daran, wenn ihr das Thema ein Anliegen ist, bei âStoppt die Rechtenâ anzudocken? Hier gibtâs bereits viel Expertise, hier gibtâs einen wissenschaftlich prominent besetzten Beirat. Im letzten Jahr, als âStoppt die Rechtenâ zu einer ĂŒberparteilichen Plattform wurde und Spenden fĂŒr eine FortfĂŒhrung einwerben musste, hat Karl Ăllnger auch beim SPĂ-Parlamentsklub angefragt. Die Antwort: keine Subvention, weil dafĂŒr kein Geld vorhanden sei. Die SPĂ Wien ist dankenswerterweise mit 5.000 Euro eingesprungen.
Videoaufzeichnung Rechtsextremismusenquete 2015:
Enquete 2017: https://www.stopptdierechten.at/2017/06/23/videomitschnitte-von-der-rechtsextremismus-enquete-2017-im-parlament/
Hut ab vor den vielen Vorarlberger Geistlichen, die sich in diesen Zeiten so klar positionieren. Die Zuhörer beim Neujahrsempfang der Gewerkschaft etwa staunten nicht schlecht, als sie die Stellungnahmen des 87-jĂ€hrigen Monsignore Eugen Giselbrecht oder von Pfarrer Wilfried Blum hörten, die Empathielosigkeit der Regierenden ebenso brandmarkten wie das Schweigen der eigenen Bischöfe. Am Samstag dann monierte der Bregenzer Pfarrer Arnold Feurle in einem Leserbrief in den âVorarlberger Nachrichtenâ in Bezug auf den Besuch von Kickl in Vorarlberg: âAbgesehen davon, dass ich mehr als genug von der Farbe TĂŒrkis habe, stimmt es mich viel bedenklicher, dass es so viel blau umgefĂ€rbtes Braun gibt.â
Heute sprechen alle vom sogenannten âHitler-Balkonâ am Heldenplatz. Hitler stand und sprach aber am 9. April 1938 – also einen Tag vor der Volksabstimmung ĂŒber den âAnschlussâ – auch vis-Ă -vis auf einem eigens aus Holz errichteten Balkon des Wiener Rathauses.