6. April 2019

Rechtsextremismusdebatte: „Was gerade niemandem weh tut“

2019-04-06T13:13:05+02:0006.04.19, 12:55 |Kategorien: Geschichte und Rechtsextremismus, Medien, Parteien|Tags: |

Petra Stuiber vom Standard hat gestern einen Kommentar veröffentlicht: „Kurz muss Straches Rechts-außen-Problem hinnehmen – oder Neuwahlen forcieren.“ In vielem, was Stuiber schreibt, stimme ich zu. Ich möchte hier aber nur auf eine Passage eingehen, weil an ihr einiges abzulesen ist:

„Eine weitere interessante Erkenntnis ist, dass die grĂ¶ĂŸte Oppositionspartei SPÖ weiter jede Gelegenheit auslĂ€sst, die Regierung in BedrĂ€ngnis zu bringen. Statt tĂ€glich gegen rechts zu trommeln und Konsequenzen vom Kanzler zu fordern, will Parteichefin Pamela Rendi-Wagner einen ‚Rechtsextremismusbeirat‘ grĂŒnden. Das klingt redlich und staatstragend – und tut gerade niemandem weh.“

1 Stuiber unterschlĂ€gt, dass die SPÖ auch eine Erstellung eines Rechtsextremismusberichts angekĂŒndigt hat:

„Da der jĂ€hrliche Rechtsextremismus-Bericht unter der ersten schwarz-blauen Bundesregierung abgeschafft wurde, fehle eine fundierte Basis zur Aufarbeitung bzw. eine umfassende Arbeitsgrundlage fĂŒr weitere TĂ€tigkeiten in diesem Bereich. Das soll der neue Beirat liefern, der noch im April gebildet werden soll.“

Klar, es ist ein Projekt, das vielleicht nicht „gerade“ jemandem weh tut, aber dennoch eines, das prinzipiell zu begrĂŒĂŸen ist. Wir GrĂŒne haben 2016, als die Zahlen der rechtsextremen Straftaten explodiert sind, einen 130-seitigen Bericht vorgelegt. Die geplante FortfĂŒhrung mit regelmĂ€ĂŸigen Enqueten (die letzte war 2017, siehe unten!) wurde jedoch durch den Rausflug aus dem Nationalrat gestoppt.

2 Es ist ein – keinesfalls neues – Dilemma: Oppositionspolitik wird medial (vorwiegend) daran gemessen, was jemandem gerade weh tut, was ĂŒbersetzt auch heißt: je mehr Show, desto mehr mediale Resonanz, desto mehr (angebliche) Effizienz. LĂ€ngerfristige politische Arbeit, die nicht sofort in Knalleffekte mĂŒndet, erntet keine oder geringfĂŒgige Wahrnehmung.

Wir GrĂŒne haben uns ab der ParteigrĂŒndung mit Rechtsextremismus beschĂ€ftigt, zuletzt waren wir im Nationalrat drei Abgeordnete (Karl Öllinger, Albert Steinhauser und ich), die das Thema systematisch bearbeitet haben. Öllinger hat 2010 die Plattform „Stoppt die Rechten“ ins Leben gerufen, sie ist heute das umfangreichste offen zugĂ€ngliche Archiv zu Rechtsextremismus in Österreich.

Fast alles das, was in den letzten zwei Wochen zu den Verbindungen der FPÖ mit den IdentitĂ€ren die Medien fĂŒllt, haben wir ĂŒber Jahre hinweg aufgezeigt und thematisiert. Das hat damals halt gerade niemandem weh getan, um bei Stuibers Formulierung zu bleiben. War es deshalb weniger richtig, es zu tun?

Dass Martin Sellner ein Neonazi war, wissen wir seit vielen Jahren. Und jetzt kocht medial hoch, dass er vor 13 Jahren Pickerl mit Hakenkreuzen in Baden geklebt hat. Überraschung: Neonazis setzen neonazistische AktivitĂ€ten. Wohl weit relevanter mĂŒsste sein, dass Sellner mutmaßlich als Administrator bei der Neonazi-Plattform alpen-donau.info tĂ€tig war. FĂŒr die AktivitĂ€ten in dem Forum sind einige Beteiligte, darunter Gottfried KĂŒssel, rechtskrĂ€ftig verurteilt worden.

3 Dass die SPÖ seit dieser Legislaturperiode mit Sabine Schatz wenigstens eine Abgeordnete in ihren Reihen hat, die sich mit dem Thema „Rechtsextremismus“ beschĂ€ftigt, ist sehr gut. Sie tut vermutlich, was ihr möglich ist und wird vermutlich regelmĂ€ĂŸig an Grenzen stoßen: nĂ€mlich jene, dass Teile der Arbeit nicht wahrgenommen werden, weil sie angeblich gerade niemandem weh tun – heißt: medial auch nicht aufgenommen werden.

Wenn die SPÖ nun einen Rechtsextremismusbeirat grĂŒnden und einen Bericht erstellen will, hat es dennoch einen parteipolitischen Beigeschmack: Was hindert die SPÖ daran, wenn ihr das Thema ein Anliegen ist, bei „Stoppt die Rechten“ anzudocken? Hier gibt’s bereits viel Expertise, hier gibt’s einen wissenschaftlich prominent besetzten Beirat. Im letzten Jahr, als „Stoppt die Rechten“ zu einer ĂŒberparteilichen Plattform wurde und Spenden fĂŒr eine FortfĂŒhrung einwerben musste, hat Karl Öllnger auch beim SPÖ-Parlamentsklub angefragt. Die Antwort: keine Subvention, weil dafĂŒr kein Geld vorhanden sei. Die SPÖ Wien ist dankenswerterweise mit 5.000 Euro eingesprungen.

Videoaufzeichnung Rechtsextremismusenquete 2015:

Enquete 2017: https://www.stopptdierechten.at/2017/06/23/videomitschnitte-von-der-rechtsextremismus-enquete-2017-im-parlament/

21. Januar 2019

„Blau angestrichenes Braun“

2019-01-21T13:42:46+01:0021.01.19, 13:39 |Kategorien: Geschichte und Rechtsextremismus, Gesellschaft, Menschenrechte|Tags: |

Hut ab vor den vielen Vorarlberger Geistlichen, die sich in diesen Zeiten so klar positionieren. Die Zuhörer beim Neujahrsempfang der Gewerkschaft etwa staunten nicht schlecht, als sie die Stellungnahmen des 87-jĂ€hrigen Monsignore Eugen Giselbrecht oder von Pfarrer Wilfried Blum hörten, die Empathielosigkeit der Regierenden ebenso brandmarkten wie das Schweigen der eigenen Bischöfe. Am Samstag dann monierte der Bregenzer Pfarrer Arnold Feurle in einem Leserbrief in den „Vorarlberger Nachrichten“ in Bezug auf den Besuch von Kickl in Vorarlberg: „Abgesehen davon, dass ich mehr als genug von der Farbe TĂŒrkis habe, stimmt es mich viel bedenklicher, dass es so viel blau umgefĂ€rbtes Braun gibt.“

Auch ich habe – aus weltlicher Sicht – in meiner Kolumne in den „Vorarlberger Nachrichten“ zu diesem Thema Stellung bezogen: „Kickls Rechtsstaat“.

Der Besuch des Innenministers in Vorarlberg mutierte nĂ€mlich – ganz typisch fĂŒr das Staats-VerstĂ€ndnis der Blauen – zur reinen Parteiveranstaltung. Da stellt sich natĂŒrlich auch die Frage, ob der Innenminister die Reise nach Vorarlberg aus der Parteikasse oder ĂŒbers Innenministerium bezahlt hat. Solche Aktionen könnten zum Bumerang werden, denn im LĂ€ndle regt sich immer mehr Widerstand gegen Kickls (rechts)extreme Vorstellungen von einem Rechtsstaat. Gleichzeitig mit dem Leserbrief von Pfarrer Feurle haben nĂ€mlich auch andere Stellung bezogen – positiv beurteilt hat den Kickl-Besuch dabei niemand.

 

17. Oktober 2018

Der Hitler Balkon am Wiener Rathaus

2018-10-17T16:25:53+02:0017.10.18, 12:22 |Kategorien: Geschichte und Rechtsextremismus|Tags: , |

Heute sprechen alle vom sogenannten „Hitler-Balkon“ am Heldenplatz. Hitler stand und sprach aber am 9. April 1938 – also einen Tag vor der Volksabstimmung ĂŒber den „Anschluss“ – auch vis-Ă -vis auf einem eigens aus Holz errichteten Balkon des Wiener Rathauses.

Diese Bildcollage (Bildnachweis siehe unten) zeigt links Hitler auf dem provisorischen Holzbalkon des Wiener Rathauses. Rechts zu sehen ist eine aktuelle Aufnahme des Nachbaus aus Stein, der wenige Monate nach der Hitler-Rede erfolgte. Der rechte Bildausschnitt zeigt, dass er noch heute existiert und mit Pflanzen und Blumen dekoriert wird.

Die Initiative „Memory Gaps“ erinnert im Gedenkjahr 2018 an diese Wiener ErinnerungslĂŒcke und regt den Abriss und RĂŒckbau des „Hitler-Balkons“ an. Das ist gerechtfertig, zumal die Initiatoren darauf verweisen, dass der Balkon „brachial gegen die architektonische Linie des Rathaus-Hauptturmes verstĂ¶ĂŸt“.

Witziger Vorschlag der Initiatoren: „Alternativ dazu könnte dieser historisch belastete Balkon im positiven Sinn ein letztes Mal ‚in Betrieb‘ genommen werden: Am 12. November 2018, dem 100. Jahrestag der GrĂŒndung der Republik Österreich, könnte eine aktuelle oder historische Friedensrede als versöhnende Proklamation von diesem belasteten Balkon aus erfolgen.“

Also abreißen? Das wĂ€re mal ein klares Statement in Zeiten wie diesen. Oder gibt’s kreative VorschlĂ€ge?

Foto 1938 Lothar RĂŒbelt, ©: ÖNB Bildarchiv und Grafiksammlung. Foto 2018 ©: Memory Gaps

WofĂŒr ich stehe?

Ich stehe fĂŒr soziale Gerechtigkeit, bessere Schulen, Klimaschutz, Antirassismus, Integration, Grundrechte und Tierschutz.

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Meine Arbeit

Hier veröffentliche politische Kommentare. Sie erfahren auch alles ĂŒber meine Arbeit aus meiner Zeit im Nationalrat (2008-2017): Reden, AntrĂ€ge und Ausschussarbeit.


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