Verrohte BĂŒrgerlichkeit
Die politische FettnĂ€pfchen-Tour von Karl Nehammer ist nicht nur seiner Unbeholfenheit zuzuschreiben, sondern verweist auf eine gesellschaftliche Entwicklung. Dazu mein Kommentar in den Vorarlberger Nachrichten unter dem Titel âVerrohte BĂŒrgerlichkeitâ. Hier zum Nachlesen:
Der österreichische Bundeskanzler und seine ĂVP haben derzeit keinen guten Lauf. Ein fĂ€lschlich abgeschicktes Email offenbarte am Montag konkrete PlĂ€ne fĂŒr einen parlamentarischen Untersuchungsausschuss gegen FPĂ, SPĂ und sogar den eigenen Koalitionspartner. FĂŒr die Politologin Kathrin Stainer-HĂ€mmerle wĂ€re das ein klarer Koalitionsbruch.
In den Tagen davor haben das âHamburger-Videoâ und die herablassende Kommentierung der Forderung nach mehr Kinderbetreuungseinrichtungen fĂŒr Aufregung gesorgt. Der ĂVP-Obmann scheint inzwischen regelrecht auf einer âFettnĂ€pfchen-Tourâ zu sein. Zudem beanstanden immer mehr politische Beobachter die Empathielosigkeit seiner einst christlichsozialen Partei gegenĂŒber sozial Schwachen.
âAnstandsloseâ ĂVP
Der ehemalige Caritas-PrĂ€sident Franz KĂŒberl diagnostizierte zuletzt, die ĂVP habe in sozialer Hinsicht âjedes GespĂŒrâ verloren. Noch schĂ€rfer geht der aus Bregenz stammende Publizist und âFalterâ-Herausgeber Armin Thurnher in seinem Buch âAnstandslosâ mit der ĂVP ins Gericht: âWann und wo genau verloren die ihre WĂŒrde? Als sie mit den Rechtsextremisten der FPĂ koalierten? Als jene tĂŒrkise Gang, die Sebastian Kurz ins Kanzleramt schummelte, weder Umfragebetrug noch Medienkorruption scheute?â
Der Zustand der ĂVP aber ist nur ein Symptom fĂŒr die zunehmende âVerrohungâ der ganzen Gesellschaft. Sie zeigt sich etwa in der achselzuckenden Teilnahmslosigkeit, wenn wieder hunderte Menschen im Mittelmeer ertrinken oder tausende nach Erdbeben oder Ăberschwemmungen irgendwo in einem fernen Land sterben.
Viele LĂ€nder betroffen
Der Begriff âverrohte BĂŒrgerlichkeitâ kennzeichnet seit einigen Jahren diese Entwicklung einer zunehmend egoistischen, intoleranten und rĂŒcksichtsloser werdenden Gesellschaft. Und sie ist nicht nur bei Konservativen oder Rechten zu beobachten, sondern zunehmend auch bei gut situierten Linken.
In vielen anderen LĂ€ndern ist diese Entwicklung noch weiter fortgeschritten. Das gilt speziell fĂŒr solche, die wir einst aufgrund einer gemeinsamen Wertehaltung zur âwestlichen Weltâ gezĂ€hlt haben. Man denke etwa an Ungarn, Polen, Israel oder Italien. Die Liste wird immer lĂ€nger.
Ein dumpfer Nationalismus macht sich breit. Die im letzten Jahrhundert hart erkĂ€mpfte offene Gesellschaft wird inzwischen oft als Bedrohung gesehen, kritische Kunstschaffende, investigativer Journalismus und unabhĂ€ngige Redaktionen werden diffamiert, der Justiz das Leben schwer gemacht â in Ăsterreich etwa mit Attacken gegen die Wirtschafts- und Korruptionsstaatsanwaltschaft.
Eine Ursache dafĂŒr ist sicher die um sich greifende Verunsicherung breiter Schichten durch die groĂen Fluchtbewegungen, die Auswirkungen der Klimakrise, soziale und wirtschaftliche Verwerfungen. Egoismus und Empathielosigkeit gegenĂŒber anderen Menschen sind die Folge. Aufgabe der Politik wĂ€re es, dieser Entwicklung Einhalt zu gebieten und sich fĂŒr Gerechtigkeit, Toleranz und MitgefĂŒhl einzusetzen. Karl Nehammer tut das Gegenteil.
Ăber die verschluderte politische Kultur in Ăsterreich und warum die ĂVP daran die Hauptschuld trĂ€gt: Dazu habe ich unter dem Titel âBraune Töneâ in den Vorarlberger Nachrichten einen Kommentar verfasst. Hier zum Nachlesen: