16. Mai 2019

Rechtsextremismus und der Gewöhnungseffekt

2019-05-17T09:05:39+02:0016.05.19, 10:06 |Kategorien: Geschichte und Rechtsextremismus, Gesellschaft|Tags: , |

Wir alle spĂŒren es: Das schleichende Gift rechtsextremer Menschenverachtung dringt in alle Poren unserer Gesellschaft.

Umso wohltuender ist es, wenn fallweise Exponenten des Staates Klartext sprechen und die liberale Demokratie verteidigen. Nein, leider: Ich spreche nicht von Österreich. Ich spreche von Deutschland.

Der deutsche VerfassungsschutzprĂ€sident Thomas Haldenwang – ĂŒbrigens CDU-Mitglied – hat eine Warnung ausgesprochen. Er muss wissen, wovon er spricht: Der Rechtsextremismus in seinem Land habe eine neue Dynamik erhalten. Er verweist vor allem auf die Entwicklung in Ostdeutschland: „Ich denke da vor allen Dingen an eine sehr intensive Vernetzung, ich denke da an Fake News und falsche Propaganda. Ich denke da an massive Gewalt auf den Straßen.“

Er skizzierte in einem TV-Interview die besorgniserregende Entwicklung, dass sich aus gewalttĂ€tigen Gruppen, „die SA-mĂ€ĂŸig durch die Straßen marschieren – uniformiert mit Fahnen, Trommelschlag und Fackeln“, kleine Terrorgruppen bilden (Haldenwang warnt vor „neuer Dynamik“ im Rechtsextremismus).

Noch gefĂ€hrlicher – und da sind wir leider mitten in der österreichische Entwicklung – sei aber der „intellektuelle Rechtsextremismus“. Bei „intellektuell“ und „rechtsextrem“ mĂŒssen ja nicht gleich an den niederösterreichischen FPÖ-Landesrat WaldhĂ€usl denken, sehr wohl aber an das aus IdentitĂ€ren und Burschenschaftern bestehende FPÖ-Umfeld.

Und an Österreich denken muss man ganz massiv vor allem dann, wenn Haldewang davor warnt, dass Menschen aus der bĂŒrgerlichen Mitte der Gesellschaft mit Rechtsextremen zusammenarbeiten. Haldewang spricht von einer „Mobilisierung durch Normalisierung“. Dass so etwas gar auf Regierungsebene möglich ist, daran muss Haldewang in Deutschland hingegen nicht denken.

Diese „Mobilisierung“ betreibt in Österreich natĂŒrlich vor allem die FPÖ, ĂŒber die der Dichter Franzobel sehr prĂ€zise sagt: „Das ist eine Partei bewusster GrenzĂŒberschreitungen. Nach außen gibt man sich staatstragend, und dahinter wird versucht, das Unmanierliche gesellschaftsfĂ€hig zu machen.“

Da passt es natĂŒrlich gut ins Bild, wenn Österreichs bekanntester Neonazi in einem Intervie mit einem deutschen Magazin namens „N.S. Heute“ ĂŒber den österreichischen Vizekanzler brisante Details in der Hinterhand hat („KĂŒssel ĂŒber Strache: „Da gab es einige lustige Auftritte““). Ich zweifle nicht daran. Die zwei kennen sich aus frĂŒheren Zeiten ja sehr gut.

Bezeichnend ist, dass bei uns aufrechte ÖVPler wie der ehemalige Vizekanzler Reinhold Mitterlehner ganz Ă€hnlich argumentieren wie Haldewang oder Franzobel, aber kaum mehr gehört werden. Die „bĂŒrgerliche Mitte“ ist in Österreich leider schon massiv geschrumpft.

6. Mai 2019

TĂŒrkiser Rechtsruck

2019-05-06T16:19:41+02:0006.05.19, 15:22 |Kategorien: Gesellschaft, Parteien|Tags: , |

In den „Vorarlberger Nachrichten“ habe ich zur politischen Situation kommentiert:

Geschichtsvergessener Kanzler

Es geht rund: Die rechtsextremen „EinzelfĂ€lle“ in der FPÖ sind inzwischen ein Dauerthema, Krawallmedien werden mit Regierungsinseraten hochgepĂ€ppelt, kritische Stimmen bedroht. Höhepunkt dieser Entwicklung ist die Kampagne gegen Armin Wolf, dem wegen kritischer Fragen „Konsequenzen“ angedroht werden. Kritische Journalist*innen stehen unter Druck, bei nicht wenigen ist bereits vorauseilender Gehorsam spĂŒrbar. Der knieweiche ORF-Generaldirektor Alexander Wrabetz schweigt zu alledem und lĂ€sst sich lieber in Seitenblicke-BeitrĂ€gen beim Champagner-Trinken filmen.

Wohin driftet die Republik? Es ist bezeichnend und beunruhigend, dass die Aufregung ĂŒber diese Entwicklung im Ausland grĂ¶ĂŸer ist als hierzulande: Egal ob ARD, ZDF, BBC, Washington Post oder Neue ZĂŒrcher Zeitung („Nicht regierungsfĂ€hig“): Österreichs Rechtsruck ist international ein Thema.

Rechtsextremer Kampfbegriff

Hierzulande finden es immer mehr Menschen gar nicht so schlimm, wenn der Vizekanzler der Republik einen identitĂ€ren Kampfbegriff hoffĂ€hig macht. Er weiß natĂŒrlich, dass „Bevölkerungsaustausch“ eine von Rechtsextremen geprĂ€gte und gezielt verwendete Vokabel ist. Er transportiert die Verschwörungstheorie, dass Europas weiße Bevölkerung durch von geheimen Eliten gesteuerte Immigration vermischt und verdrĂ€ngt werde. Die Idee der „Reinheit“ eines Volkes entstammt der NS-Ideologie. Der rechtsextreme Massenmörder von Christchurch hat ihn ebenso verwendet wie jene Gruppierung, die von FPÖ-FunktionĂ€ren propagandistisch und finanziell gefördert wird: die IdentitĂ€ren. Dennoch bleibt Strache dabei, er gehe „den Weg fĂŒr unser Heimatland Österreich, den Kampf gegen den Bevölkerungsaustausch, konsequent weiter“.

Der FĂŒhrer der IdentitĂ€ren, frohlockt: „Ich danke Strache, dass er das gesagt hat“, der Vizekanzler schĂŒtze damit das „gesamte patriotische Vorfeld“. Das Video trĂ€gt – inklusive Rechtschreibfehler – den Titel „Gegen den Bevölkerungsaustausch! – Strache bleibt Stabil“.

Kurz als Wegbereiter

Der geschichtsvergessene junge Kanzler hat dem nicht nur nichts entgegenzusetzen, er sieht sich selbst als Wegbereiter fĂŒr den Rechtsruck. „Bevölkerungsaustausch“ verwende er nicht, weil Zuwanderung ja nur in eine Richtung erfolge: „Die Österreicher, die in diese LĂ€nder ziehen, können Sie an einer Hand abzĂ€hlen.“ Kurz bricht den rechtsextremen Begriff auf das rein Rechnerische herunter und verharmlost ihn damit.

Sogar das Boulevard-Blatt „Bild“ versteht das nicht mehr: „Mit dieser Argumentation kommt die ÖVP/FPÖ-Koalition nicht mehr durch.“ Doch ein Umdenken ist nicht festzustellen, eher ĂŒberwiegt bei Sebastian Kurz der Stolz auf das Erreichte: „Vieles von dem, was ich heute sage, ist vor drei Jahren noch massiv kritisiert und als rechtsradikal abgetan worden, das hat sich geĂ€ndert.“ Da hat er recht. Leider.

30. April 2019

„Ich denke nicht, dass der Faschismus vor der TĂŒre steht“

2019-04-30T07:33:35+02:0030.04.19, 7:33 |Kategorien: Allgemein, Geschichte und Rechtsextremismus|

 

FĂŒr die Sonntag-Beilage der „Kronen Zeitung“ habe ich in einem lĂ€ngeren Interview („Sind die GrĂŒnen noch eine Bewegung, Herr Walser?“) meine Sicht auf die gegenwĂ€rtige Entwicklung in Österreich und bei uns GrĂŒnen Stellung bezogen.

Bei den vergangenen Nationalratswahlen haben die GrĂŒnen bekanntlich den Wiedereinzug verpasst, und statt Rot-Schwarz regiert seither Schwarz-Blau. Wie hat sich das Land aus Ihrer Sicht seither verĂ€ndert?

Wir haben in Österreich eine Regierung mit einer Rechtspartei und einer rechtsextremen Partei. Es ist eine Verharmlosung, wenn man die FPÖ nur als rechtspopulistisch bezeichnet. Wir driften derzeit in eine Richtung ab, die ich in dieser Dimension nicht fĂŒr möglich gehalten hĂ€tte.

Gehören Sie eigentlich auch zu denen, die Vergleiche mit der Zeit des Nationalsozialismus ziehen?
Nein, ich denke nicht, dass jetzt der Faschismus vor der TĂŒre steht. Allerdings ist sehr wohl zu befĂŒrchten, dass Österreich immer mehr zu einem autoritĂ€ren, illibe- ralen Staat wird – so wie das jetzt schon in Polen oder Ungarn RealitĂ€t ist. Dass die Herren Kickl, Strache und Co. totalitĂ€re Tendenzen hegen, ist ja so ĂŒberraschend nicht. Schlimm ist aber, dass Sebastian Kurz das toleriert. Fakt ist aber auch, dass der Weg dieser Regierung in der Bevölkerung eine sehr breite Zustimmung findet.

Sind die GrĂŒnen heute noch eine Bewegung oder nur noch Partei?
Die GrĂŒnen sind eine Partei geworden und haben an Bewegung verloren. Die Dynamik frĂŒherer Jahre ist uns zweifelsfrei abhandengekommen. Wir werden als sehr angepasst wahrgenommen. Ich wurde parteiintern hĂ€ufig kritisiert, weil ich viele Dinge beim Namen genannt habe. Nach dem Ausscheiden aus dem Nationalrat scheinen die GrĂŒnen jetzt aber wieder eine Bewegung zu werden – was mich fĂŒr die Zukunft durchaus zuversichtlich stimmt.

Ganzes Interview zum Download: Kronen Zeitung_28.4.2019

WofĂŒr ich stehe?

Ich stehe fĂŒr soziale Gerechtigkeit, bessere Schulen, Klimaschutz, Antirassismus, Integration, Grundrechte und Tierschutz.

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Meine Arbeit

Hier veröffentliche politische Kommentare. Sie erfahren auch alles ĂŒber meine Arbeit aus meiner Zeit im Nationalrat (2008-2017): Reden, AntrĂ€ge und Ausschussarbeit.


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