Vorarlberg: âBieder statt weltoffen?â
Nach Jahrzehnten bleierner Stagnation in der Kulturpolitik gab es in Vorarlberg gegen Ende des vorigen Jahrhunderts eine wohltuende DurchlĂŒftung. Aber seit die FPĂ wieder in der Regierung ist, scheinen die schwarzen Granden damit Schluss machen zu wollen. Die Nicht-VerlĂ€ngerung des Vertrags mit der Intendantin des Landestheaters Stephanie GrĂ€ve ist ein Beispiel dafĂŒr und nicht akzeptabel. Hier mein Kommentar zu dieser Entwicklung in den Vorarlberger Nachrichten unter dem Titel âBieder statt weltoffen?â:
Das waren noch Zeiten: Der vor sechs Jahren verstorbene ehemalige Kultur-Landesrat Guntram Lins hat gegen Ende des vorigen Jahrhunderts die (Hoch-)Kulturszene des Landes wachgekĂŒsst und zudem bereits bestehende lokale Initiativen wie den Spielboden oder den Saumarkt gefördert. Zudem hat er unser Land mit dem trotz heftiger WiderstĂ€nde errichteten Kunsthaus in Bregenz auch international ins Blickfeld gerĂŒckt â geplant vom weltweit angesehenen Architekten Peter Zumthor und gefĂŒhrt von Edelbert Köb.
Vorarlberg hat in dieser Zeit an âHeimat, Verwurzelung in Traditionen ⊠nicht verloren, aber an Weltoffenheit und damit an neuem, offensivem Selbstbewusstsein gewonnenâ â so der damalige Landeshauptmann Martin Purtscher.
Die damals eingeleitete Entwicklung hat lange nachgewirkt. Jahre nach Lins wurde mit Hanno Loewy bewusst ein international renommierter Literatur- und Medienwissenschaftler, Publizist und Kurator aus Frankfurt nach Vorarlberg geholt. Er hat in seiner ĂŒber 20-jĂ€hrigen Zeit als Direktor das JĂŒdische Museum Hohenems zu einem Ort des intensiven kulturellen, politischen und religiösen Dialogs gemacht und auch die Regionalgeschichte nicht vergessen. Man denke etwa an die ĂŒber 100 Fluchtgeschichten an Hörstationen zwischen dem Bodensee und der Silvretta.
Zum GlĂŒck bleibt Loewy dem hiesigen Kulturleben trotz seines Pensionsantritts Ende MĂ€rz erhalten und wird â so ist zu hoffen â eher einen âUnruhestandâ antreten. Er ist eine Bereicherung fĂŒr Vorarlberg.
Nicht erhalten bleibt uns aber eine andere Bereicherung: die amtierende Leiterin des Landestheaters Stephanie GrĂ€ve. Am Dienstag hat KulturlandesrĂ€tin Barbara Schöbi-Fink ihre nicht nachvollziehbare Entscheidung bekanntgegeben, den bis 2028 laufenden Vertrag mit der Intendantin nicht zu verlĂ€ngern. Und das trotz der tollen Entwicklung, die das Haus am Kornmarktplatz genommen hat.GrĂ€ve hat mit bescheidenen finanziellen Mitteln viel aus dem bis zu ihrem Amtsantritt etwas verstaubt wirkenden Theater herausgeholt. Neben Klassikern gab es moderne, experimentelle StĂŒcke und eine Auseinandersetzung mit gesellschaftlichen Fragen. Auch der regionale Bezug kam nicht zu kurz: Zuletzt wurde jedes Jahr ein von GrĂ€ve in Auftrag gegebenes StĂŒck ĂŒber herausragende Persönlichkeiten des Landes gespielt â von Franz Michael Felder ĂŒber Maria Stromberger bis zu Carl Lampert.
Dass sie sich auch fĂŒr bessere Arbeitsbedingungen im Theaterbetrieb eingesetzt und ein engagiertes Ensemble zusammengesetzt hat, rundet ihr erfolgreiches Wirken ab. Das Landestheater wurde zu einem Ort spannender, innovativer und mutiger AuffĂŒhrungen ganz ohne provinzielle Enge und regionale Biederkeit. Das hat nicht allen gefallen â vor allem nicht im Landhaus. Was wohl Guntram Lins zu dieser Entwicklung gesagt hĂ€tte?
Auf die AktualitĂ€t des Themas muss nicht eigens hingewiesen werden. Wer sich mit dem Thema âFluchtâ auseinandersetzen möchte, eine zĂŒnftige Wanderung liebend gerne in Kauf nimmt und dabei auch noch hohe kĂŒnstlerische AnsprĂŒche hat, ist hier richtig. Und wenn jetzt auch noch die âSĂŒddeutsche Zeitungâ dieser Theaterwanderung im Montafon eine ganze Seite widmet (â
