Chancen(un)gleichheit in der Schule

Unter dem Titel âSchulk(r)ampfâ habe ich in den âVorarlberger Nachrichtenâ Stellung bezogen zu den sogenannten âinformellen Kompetenzmessungenâ, die seit letzter Woche in den dritten Klassen der Volksschule durchgefĂŒhrt werden und Grundlage sein sollen, ob ein Kind kĂŒnftig in die AHS darf oder nicht. Ein Irrweg!
RĂŒckwĂ€rts statt vorwĂ€rts geht es in unserem Schulsystem. Schon immer hatten es Kinder aus sozial schwachen Familien in der Schule schwer, die Pandemie hat das Problem noch weiter verschĂ€rft. Statt GegenmaĂnahmen zu setzen, verschĂ€rft das Bildungsministerium das jetzt auch noch.
Seit letzter Woche werden in der dritten Klasse Volksschule sogenannte âinformelle Kompetenzmessungenâ durchgefĂŒhrt. Sie haben zwar keinen Einfluss auf die Noten, sind aber Teil der kĂŒnftigen âAHS-Empfehlungâ â gemeinsam mit den Noten der dritten Klasse und der Schulnachricht im ersten Semester der vierten Klasse. Die Kompetenzmessungen heiĂen somit zwar âinformellâ, sind es aber nicht.
HĂŒrden fĂŒr Benachteiligte
Die Schulwegentscheidung beginnt kĂŒnftig also schon in der dritte Klasse Volksschule. Das ist europaweit ebenso einzigartig wie falsch. Dennoch gab es weder in den Medien noch seitens der Politik eine öffentliche Diskussion darĂŒber.
Fachleute weisen seit Jahren darauf hin, dass benachteiligte Kinder Zeit brauchen. Sie beginnen ihre Schullaufbahn schon mit einem RĂŒckstand, weil ihr Wortschatz und ihr Sprachvermögen nicht dem von Kindern aus âbesseren Kreisenâ entsprechen â das gilt ĂŒbrigens bei weitem nicht nur fĂŒr Kinder aus migrantischen Familien. Umso lĂ€nger sie die Möglichkeit zum gemeinsamen Lernen bekommen, desto gröĂer sind ihre Bildungschancen.
Wir hingegen trennen die Kinder zu frĂŒh, nehmen vielen die Chance zur Entwicklung und lassen somit einen GroĂteil des einzigen wirklichen âRohstoffsâ, den Ăsterreich hat, brachliegen: die Kompetenzen vieler Kinder und Jugendlichen.
Corona- und Bildungskrise
Schon jetzt beklagen die oft ausgezeichneten Ausbildungsbetriebe im Land, dass die Qualifikation der Jugendlichen nach der Schule nicht ausreichend sei. Diese haben im Berufsleben dann kaum mehr eine Chance, sind ein Fall fĂŒr das Sozialsystem und beschĂ€ftigen dann nicht selten auch die Gerichte.
Die coronabedingte Verlagerung des Lernens ins hĂ€usliche Umfeld hat das Bildungsproblem verstĂ€rkt. Das belegt auch eine Studie des Instituts fĂŒr Höhere Studien (IHS) unter 4.000 LehrkrĂ€ften. Das eindeutige Ergebnis: Kinder aus sozial schwachen Familien wurden durch die Umstellung auf Fernunterricht noch weiter abgehĂ€ngt.
Keine Lobby fĂŒr Kinder
Mit der âKompetenzmessungâ in der dritten Klasse legt jetzt der Staat noch eins drauf, statt das Problem zu entschĂ€rfen. Die betroffenen Kinder haben keine Lobby, zahlen aber die Zeche fĂŒr die bildungspolitischen Fehlentscheidungen.
FrĂŒher gab es heftige gesellschaftliche Auseinandersetzungen ĂŒber die richtige Strategie in der Schulpolitik. Heute hat man den Eindruck, dass sich niemand mehr wirklich fĂŒr eine gerechte und leistungsfĂ€hige Schule einsetzt â auĂer vielleicht Industriellenvereinigung oder Arbeiterkammer. Das ist eine Tragödie fĂŒr die Kinder. Und fĂŒr die Eltern. Und fĂŒr den Bildungsstandort Ăsterreich.
Es ist so halb im Ernst, wenn auf Twitter die Gedankenspiele laufen, der burgenlĂ€ndische Landeshauptmann Hans-Peter Doskozil könnte mit FPĂ-Boss Hofer eine eigene Partei grĂŒnden. Peinlich genug fĂŒr einen Sozialdemokraten.
Sebastian Kurz gebĂ€rdet sich in der EU derzeit wie der berĂŒchtigte âElefant im Porzellanladenâ. Wie groĂ ist der auĂenpolitische Schaden, den er durch seine sachlich nicht gerechtfertigten Frontalattacken auf âdie EUâ angerichtet hat. Dazu mein Kommentar in den âVorarlberger Nachrichtenâ unter dem Titel â