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Ich stehe für soziale Gerechtigkeit, bessere Schulen, Klimaschutz, Antirassismus, Integration, Grundrechte und Tierschutz.

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Hier veröffentliche politische Kommentare. Sie erfahren auch alles über meine Arbeit aus meiner Zeit im Nationalrat (2008-2017): Reden, Anträge und Ausschussarbeit.


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7. Mai 2018

Deutsch Getto-Klassen

07.05.18, 11:04 |Categories: Bildung, Gesellschaft, Integration|Tags: , , |

Schon in wenigen Jahren werden wir die Zeche dafür zahlen, was jetzt an unseren Schulen verbockt wird. Schuld sind nicht Lehrkräfte oder Eltern, sondern die Regierung. Sie will das Rad der Zeit zurückdrehen, stoppt den Ausbau dringend benötigter ganztägiger Volksschulen und Kindergärten, setzt den Sparstift an bei Fördermaßnahmen usw. Letztes Beispiel: die
Kinder lernen von Kindern am besten, deshalb sollten sie von Anfang an und möglichst lange gemeinsam unterrichtet werden. Durch Getto-Klassen verbaut der Staat vor allem benachteiligten Kindern die Chance auf eine erfolgreiche Bildungskarriere. Frustrierte Jugendliche ohne Aussicht auf einen qualifizierten Job werden ebenso die Folge sein wie Arbeitslosigkeit und verstärkte Kriminalität. An dieser Stelle habe ich kürzlich inhaltlich dazu Stellung bezogen: „Deutschklassen der Regierung nicht am Forschungsstand“

Nun ist die Geschichte um eine Facette reicher. Bei wichtigen Themen beschließen die Parteien im Nationalrat oft, im Parlament ein Hearing mit Expertinnen und Experten durchzuführen. Die Abgeordneten können sich dabei selbst ein Bild machen. Sinnvollerweise kann eine interessierte Öffentlichkeit – meist sind es Journalistinnen und Journalisten – daran teilnehmen. Als Abgeordneter habe ich immer darauf gedrängt, dass das möglich ist.

Beim Plan der Bundesregierung, eigene Deutschklassen für Kinder mit schlechten Deutschkenntnissen einzurichten, liegen viele schriftliche Stellungnahmen im Parlament – die Palette reicht von großen Bedenken bis zu völliger Ablehnung. Es ist daher zu begrüßen, dass sich die Parteien auf ein Hearing zu diesem Thema geeinigt haben.

Nicht verständlich ist, dass ÖVP und FPÖ gegen den Willen der anderen Parteien beschlossen haben, dass dieses Hearing nicht öffentlich zugänglich sein darf und somit eine sachliche Berichterstattung in den Medien verhindert wird.

Dabei kann jede Partei – und somit auch FPÖ und ÖVP – eine wissenschaftlich oder durch die Praxis qualifizierte Person für das Hearing nominieren. Zudem steht je nach Abmachung unter den Fraktionen im Parlament auch dem – schwarz, pardon türkis, geführten – Bildungsministerium eine Nominierung offen. Für Vielfalt ist somit gesorgt.

Warum also darf das Hearing in diesem Fall nicht öffentlich sein? Offensichtlich dämmert es ÖVP und FPÖ, dass sie nur schwer in der Lage sein werden, Fachleute zu finden, die ihre Position während des Hearings in überzeugender Weise vertreten. Und wenn der „eigene“ Experte gegen, die von der Opposition nominierten „untergeht“, könnte die Stimmung kippen.

Zumindest ein Regierungspartner verheimlicht das auch gar nicht. FPÖ-Bildungssprecher Wendelin Mölzer vermutet, Experten würden die „langjährige freiheitliche Forderung nach Deutschförderklassen“ im Hearing „schlechtreden“. Dümmer und gleichzeitig entlarvender kann man wohl kaum argumentieren.

26. April 2018

„Deutschklassen der Regierung nicht am Forschungsstand“

26.04.18, 17:45 |Categories: Bildung, Gesellschaft, Integration|Tags: , |

In der Diskussion um seperate Deutsch-Klassen für Kinder mit Sprachdefiziten melden sich nun auch Expertinnen und Experten zu Wort. Und zwar eindeutig: „Experten: Deutschklassen der Regierung nicht am Forschungsstand“.

Was wird inhaltlich kritisiert? Wie könnte man es besser machen?

Die deutsche Erziehungswissenschafterin Anja Wildemann bringt es auf den Punkt, wenn sie betont, dass „integrierende Sprachförderung zielführender ist als segregierende“. Neu ist das nicht. Die Professorin für Grundschulpädagogik und Erziehungswissenschafts-Dekanin der Universität Koblenz kann für den Kindergartenbereich auch auf empirische Forschungen verweisen. Vom Fassmann-Kurz-Modell ist sie entsetzt: „Am meisten erschüttert hätten sie die geplanten gesetzlichen Ausführungen zur Sprachdiagnostik.“

Schon der gerade von Konservativen gerne beschworene „gesunde Menschenverstand“ sagt, dass Kinder von Kindern am besten lernen. Wenn wir nun alle Kinder mit mangelhaften Deutsch-Kenntnissen in einer Klasse sammeln, werden sie untereinander wohl kaum Deutsch-Kompetenz erwerben, Lehrkräfte werden bei vorgesehenen Klassen mit bis zu 25 Kindern bei der angesprochenen individuellen Sprachdiagnostik überfordert sein.

Gerade mit Österreich vergleichbare deutsche Bundesländer waren mit integrativer Sprachförderungen auch in der Schule erfolgreich. Warum sollten wir erfolgreiche Modelle nicht übernehmen? Ich habe als Bildungssprecher der Grünen im Unterrichtsausschuss mehrfach entsprechende Anträge gestellt. Sie basierten auf dem in Hamburg entwickelten Modell „FörMig“. Es sieht eine durchgängige, additive Sprachförderung von der Vorschule bis zum Ende der Pflichtschulzeit vor und setzt auf die Einbindung der Eltern sowie auf regelmäßige Sprachstandserhebungen.

Warum setzten wir das in Österreich nicht auch um? Ach ja, es geht ums Geld: Eine gezielte, individualisierte Förderung der Bildungssprache setzt angemessene Arbeitsbedingungen in den Kinderbetreuungseinrichtungen und Schulen sowie beginnend mit dem Kindergarten eine deutlich bessere Ausbildung der Pädagoginnen und Pädagogen voraus. In Österreich zahlt man offensichtlich lieber später ein Vielfaches der jetzt notwendigen Summen für Arbeitslosenunterstützung, Sozialhilfe usw.

Bundeskanzler Sebastian Kurz war als Integrationsminister jahrelang zuständig für die Sprachförderung im Kindergarten, ebenso hat er sich jahrelang meiner Forderung nach einer Evaluierung der Fördermaßnahmen verweigert und das Geld lieber ohne jedes Konzept verteilt. Ausreichend Fachpersonal in Kindergärten und Schulen? Fehlanzeige!

Wenn es den Verantwortlichen wirklich um die Kinder geht, wenn es ihnen um gelingende Integration geht, dann ist es allerhöchste Zeit, aktiv zu werden. Wir brauchen Maßnahmen, die eine gute Ausbildung der Lehrenden garantieren und die Implementierung von bundeseinheitlichen Qualitätsstandards, um eine kompetente Förderung der Kinder sicherzustellen. Was wir nicht brauchen, sind Getto-Klassen für Kinder.

1. März 2017

Sprachförderung: Wenn die linke Hand nicht weiß, was die rechte tut und Kinder dafür geprügelt werden

01.03.17, 11:24 |Categories: Bildung, Integration|Tags: , , |

SchulkindDer Kurier veröffentlichte gestern einen Artikel mit dem Titel „Wenn Deutsch zur Fremdsprache wird“. Die Einleitung: „‚Vierzehn plus drei’. Klassenlehrer Lukas Ankowitsch gibt den 25 Schülern der 1A-Klasse die nächste Rechenaufgabe. Ein Mädchen in der ersten Reihe zählt leise mit ihren Fingern: ‚bir, iki, üç’ flüstert sie konzentriert vor sich hin – eins, zwei, drei auf türkisch. Die Situation spricht Bände.

Einspruch, sagt der Lehrer in mir: Nicht die „Situation“ spricht Bände, sondern der Artikel selbst. Denn an ihm wird das ganze Elend der Bildungs- und Integrationspolitik und des laufenden Diskurses darüber sichtbar: Kinder werden hier pauschal als Problemfälle beschrieben. Wir wissen nichts über das zählende Mädchen, nichts über ihre Vorgeschichte, nichts über ihre Stärken oder Schwächen. Alleine die Tatsache, dass sie auf türkisch zählt, stigmatisiert sie zum defizitär behafteten Kind – völlig unabhängig davon, ob sie die ihr gestellte Aufgabe löst oder nicht. Denn das ist im Artikel schließlich nicht das Thema.

Schuld an dieser Misere hat laut Wiener Neustadts Bürgermeister Klaus Schneeberger (ÖVP) „die gescheiterte Wohnungs- und Integrationspolitik der vergangenen Jahrzehnte“. (Kurier)

Bürgermeister Schneeberger klagt also über die verfehlte Politik. Doch er gehört jener ÖVP-Landesgruppe an, die seit dem Jahr 2000 fast durchgehend das bis 2013 für Integrationsangelegenheiten verantwortliche Innenministerium besetzt hatte. Und auch jener ÖVP-Landesgruppe, die sich vehement hinter den Minister stellt, der die verfehlte Integrationspolitik der letzten sechs Jahre zu verantworten hat.

„Erstmals gibt es eine Klasse, in der kein einziges Kind mit deutscher Muttersprache sitzt. Insgesamt haben von den 177 Mädchen und Buben 152 (85,9 Prozent) ihre sprachlichen Wurzeln in der Türkei, Afghanistan, Syrien oder in anderen Staaten. 131 Sprösslinge davon sind islamischen Glaubens. ‚Das Problem wird immer größer, weil natürlich heimische Familien ihre Kinder aus Angst vor mangelnden Bildungschancen in andere Schulen stecken’, erklärt Direktorin Ariane Schwarz.“ (Kurier)

Worum geht es hier denn, wenn die immer weiter ins Rechtspopulistische abtriefende Politik separierte Klassen für Kinder mit nichtdeutscher Erstsprache fordert, um dann fast im selben Satz darüber zu jammern, die nicht deutschsprachige Umgebung führe dazu, dass die Kinder eben nicht Deutsch sprechen?

„Ohne zusätzliche Mittel für gezielte Sprachförderung wird das Problem aber niemals gelöst. (…) ‚Wir brauchen aber weitere Mittel des Bundes, um die Angebote zu verstärken’, lautet der dringende Appell von nö. Landesschulratspräsident Johann Heuras. Im Zuge des letzten Integrationspakets des Bundes habe Niederösterreich gerade einmal sechs Sozialarbeiter für den Bereich zugewiesen bekommen.“

Was bitte hat der Mangel an Lehrenden für Sprachförderung denn damit zu tun, dass Niederösterreich nur sechs SozialarbeiterInnen bekommen hat? Sind Kinder, die die deutsche Sprache ungenügend beherrschen, automatisch Sozialfälle? Wir wissen aus der Bildungsforschung seit langer Zeit, dass nicht der sprachliche Hintergrund über Erfolg und Misserfolg in der Bildungskarriere entscheidet, sondern vorrangig die soziale Herkunft. Darauf hat die Bildungspolitik seit Jahrzehnten kaum reagiert. Und auch jetzt finden wir in der Bildungsreform weder die generelle Einführung des Chancenindex noch eine Umstellung auf die Gemeinsame Schule – beides de facto unumstrittene Voraussetzungen für die Herstellung von mehr Bildungsgerechtigkeit.

Was ebenso fehlt, ist ein durchgehendes Sprach(en)förderkonzept, das mit dem Kindergarten beginnt und mit dem Abschluss der Schule endet. Derzeit herrschen Wildwuchs und Chaos in der Sprachförderung: In den Kindergärten wurden Sprachstandsdiagnosen eingeführt, aber der für eine Evaluierung zuständige Integrationsfonds hat bislang nichts vorgelegt. Daher wissen wir im Grunde kaum etwas darüber, wie sinnvoll oder sinnlos gefördert wird. Der zuständige Minister Kurz schweigt sich über dieses Versagen aus.

Aus dem Bildungsministerium wurde vor zwei Wochen verlautbart, ein „neuer Test solle Risikoschüler identifizieren (…) Bei dem Test sollen Erstklassler eine Bildergeschichte nacherzählen und eine mögliche Fortsetzung finden. Damit soll überprüft werden, ob Schüler Sätze in der Vergangenheit beziehungsweise der Zukunft bilden können, hieß es aus dem Bildungsministerium.“

Ja, um Himmels willen, das Ministerium gibt Aufträge und weiß offenbar selbst nicht, was es dafür bekommt: Es geht hier nicht um RisikoschülerInnen, es geht auch nicht um einen „Test“, sondern um eine Erhebung der mündlichen Sprachkompetenz, auf die gezielte Fördermaßnahmen folgen sollen. Und das geht weit darüber hinaus, wie Kinder die Zeiten sprachlich ausdrücken. Die gesamte Kommunikation aus dem Bildungsministerium über dieses Handwerkszeug strotzt vor Fehlern und lässt tief blicken: Die linke Hand weiß nicht, was die rechte tut.

Weitgehend ausgespart bleiben dabei jene ExpertInnen, die schon längst Vorschläge hätten, um Kinder zielgerecht zu fördern: in ihren Erstsprachen und auch in der Bildungssprache. Hamburg zeigt seit vielen Jahren vor, wie es funktionieren könnte – mit Einbindung der Eltern. Aber das hieße, sich jenseits von marktschreiendem Populismus und der Absicherung von parteipolitischen Einflusssphären den Kindern und ihren Bedürfnissen zuzuwenden. Weil das nicht passiert, werden die Kinder für diesen politischen Unwillen geprügelt.